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Filmbesprechung

EIN HOLOGRAMM FÜR DEN KÖNIG

 

Buch: Tom Tykwer nach dem Roman von Dave Eggers; Regie: Tom Tykwer

 

Das Wort ‚Culture Clash’ ist ein Lieblingswort der Dramaturgie (und insbesondere des ‚human factor’). Tatsächlich wird ein Wertekonflikt kaum je so unmittelbar deutlich transportiert wie im Falle des Zusammenstoßes von sozialen Welten und Netzen, wenn auf beiden Seiten offensichtlich andere Normen und Prioritäten herrschen. Dieser Zusammenstoß verleiht dem „Hologramm für den König“ zunächst eine unmittelbar überzeugende Stringenz: hier ist ALAN (Tom Hanks), der mit dem Ziel startet, es in Saudi-Arabien zu 100 % Effizienz zu bringen; und dort ein Land, in dem Zeit und Geld in solchem Überfluss vorherrschen, dass alle Anstrengungen Alans im Wüstensand versacken. Dieses Scheitern am ‚Want‘ wird sehr deutlich. Da es durch seine Tochter KIT (Tracey Fairaway) ein Gesicht bekommt, ist die Aufladung spürbar.

 

„Ein Hologramm für den König“ ist über weite Strecken ein Film über die Ohnmacht. Was auch immer Alan anstellt, welche Energieleistung er auch immer aus seinem angeschlagenen Körper zu treiben versucht – immer ist das Scheitern gewiss (ein Scheitern allerdings auf hohem Niveau – denn Geld und innerliche Kontenance gehen nie wirklich aus). Die einzig relevante Beziehung, die sich daraus ergibt, ist die zu seinem Fahrer YOUSEF (Alexander Black) – und, sehr spät, zur Ärztin ZAHRA (Sarita Choudhury).

 

Aus dieser Konstellation ist eine Wandlung durchaus heraus zu lesen. In Person der hedonistischen Dänin HANNE (Sidse Babett Knudsen)  begegnet Alan einer Sinnleere, die er auch in sich selbst spürt. Erst bei der Familie seines Fahrers auf dem Land beginnt er, loszulassen. Indem er bei der Jagd auf einen Wolf das Tier, das er vor der Flinte hat, NICHT abdrückt, scheint Alan zu begreifen, dass es im Leben nicht immer nur um Aktivität und Effizienz gehen muss. Dies macht ihn frei für die Romanze mit Zahra.

 

Dies wäre die wohlwollende Lesart des Films. Zugleich aber lässt sich sehr leicht ein Film vorstellen, der den eingeschlagenen Weg viel konsequenter verfolgt.  Denn Alan hätte die Möglichkeit, in der für ihn fremden und unverständlichen Kultur wirklich neue Werte kennen zu lernen. Er könnte sich und sein Tun massiver in Frage zu stellen beginnen und die Mentalität, mit der in das Land gekommen ist, intensiver reflektieren.

 

Sein Scheitern könnte gewaltig sein. Insbesondere die ganz am Schluss hervortretende erotische Beziehung zur Ärztin wäre sehr gut geeignet, das Wertesystem der Hauptfigur (und der Kultur, in deren Auftrag sie unterwegs ist), auszuhebeln und deutlich zu machen, was diese Frau an alternativen Qualitäten anzubieten hat. Alan könnte tief sinken und wäre erstmals darauf angewiesen, sich ganz mit sich selbst zu konfrontieren. Die Ohnmacht könnte fürchterlich sein.

 

All das findet sich in „Ein Hologramm für den König“ doch eher homöopathisch dosiert. Außer ein paar deftigen Katern und einer harmlosen Operation wird Alan nie nennenswert in Frage gestellt. Seine ewige Effizienz-Sucht bricht zwar in sich zusammen, aber letztlich doch relativ konsequenzlos.

 

Wirklich tief sinkt er nie. Und wirklichen Kontakt mit der fremden Kultur nimmt er auch nie auf. Alles verläuft glimpflich, und auf die Frage, warum man ausgerechnet in einer frauenfeindlichen Kultur wie der Saudi-Arabiens auf Ärztinnen stößt, die sofort bereit sind, sich einem Wildfremden in die Arme zu werfen, hat der Film keine Antwort.

 

Insofern dürfte „Ein Hologramm für den König“ auf eine gespaltene Reaktion treffen. Ein Publikum, das offen ist für die feinen, hintersinnigen Nuancen und die grundsätzlich harmlose Tendenz des Ganzen, wird seine Freude haben. Wer die dramaturgische Zuspitzung sucht, könnte enttäuscht sein. Denn letztlich bleibt „Ein Hologramm für den König“ in einem limitierten Bereich, der die Wohlfühlzone kaum je nach oben oder unten überschreitet.

 

Generell gilt freilich die Regel, dass im Kino die emotionalen Ausschläge im Zweifelsfall kaum hoch bzw. tief genug ausfallen können. Insofern dürfte der Film – trotz der offensichtlich bemerkenswerten äußeren Faktoren wie Darsteller, Regie, visueller Reiz, Musik usw. – am Markt nur auf mittelmäßige Resonanz stoßen.  Defizite in der dramaturgischen Spannung sind eben leider durch keine Macht der Welt (nicht einmal durch viel Geld) auszubügeln.

 

München, 12.5.2016

 

Roland Zag  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Quelle: Moviepilot