aktuelle

Filmbesprechung

Er ist wieder da

Buch (nach dem gleichnamigen Roman von Timur Vermes) und Regie: David Wnendt

Es wurde viel darüber geschrieben, was die Satire darf. Weniger oft wurde formuliert, was sie MUSS: nämlich neue Aspekte, neue verborgene Seiten im öffentlichen Bewusstsein provozieren; neue, bisher unbeachtete wunde Stellen im gesellschaftlichen Kontext benennen und bloßstellen.

So gesehen ist „Er ist wieder da“ DIE Satire schlechthin. Denn die Ikone Hitler legt zwangsläufig den Finger auf einen der wundesten Punkte des deutschen Bewusstseins. Indem in diesem Film das Schlechthin-Böse auf einmal wieder unbehelligt und unwidersprochen sein Haupt erheben darf, muss sich jeder Zuschauer selbst hinterfragen: ‚wie hätte ich mich verhalten‘?

Durch die Hintertür kommt so eine spannende Zugehörigkeits-Thematik in die Betrachtung des Films: jeder Zuschauer kann für sich selbst wählen, ob er sich mit den Personen, die hier vorgeführt werden, wieder erkennen kann oder will. ‚In welchem Land und mit welchen Menschen will ich leben‘? lautet die Frage. ‚Wo fühle ich mich zugehörig?‘ Und gerade die peinlichen, die unangenehmen, die missliebigen Momente sind es, die der Satire ihre Daseinsberechtigung verleihen. Das macht sie nicht angenehm („Borat“ war auch nicht angenehm…). Aber wichtig.

Es gibt aber noch weitere Aspekte des ‚Human factor‘, die sich im Film „Er ist wieder da“ auf unerwartete Art und Weise einschleichen und gleichsam die Hauptaufgabe übernehmen. Denn während die eigentlich ‚Handlung‘ des Films, der Plot also, nicht viel mehr abgibt als eine Spielvorgabe für die Konfrontation der Öffentlichkeit mit ihrer meist gehassten Ikone, kann man an der Figur HITLER (Oliver Masucci) sehr erstaunliche Beobachtungen machen:

Indem dieser Hitler als durch und durch authentischer Mensch mit einer maximalen Treue zu sich selbst über die Leinwand kommt, bleibt dem Zuschauer gar nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Der Mann wirkt, egal was man über ihn denken mag, emotional glaubwürdiger als die vielen Fähnchen im Wind, denen er begegnet. Auch nach allen abscheulichen Verbrechen stellt sich auch 70 Jahre später noch dieselbe Wirkung ein, die damals wohl eine ganze Nation hypnotisieren konnte: der Mensch, der mit sich selbst identisch wirkt, zieht die Menschen an.

Die Kehrseite dieses Mechanismus lässt sich auch heute noch in vielen populistischen Bewegungen beobachten. Erst wenn klar wird, dass es sich dabei um eine emotionale Konstante, also einen ‚human factor‘ handelt, wird man dieses Phänomen auch begreifen und womöglich bekämpfen können.

Jeder Zuschauer kann am eigenen Leibe erkennen, was es mit einem macht, wenn sich eine Figur durch keine äußeren Faktoren beirren lässt. Wer komplett bei sich bleibt und bedingungslos den eigenen Idealen treu ist, MUSS einfach positiv wirken. Diese Attraktivität erklärt auf eindrucksvolle Art und Weise, dass auch heute, gerade in der relativierenden pluralistischen Medienwelt, die Stimme eines Menschen, der sich selbst treu bleibt, noch immer attraktiv wirken muss. Ganz egal, was diese Stimme sagt.

Zugleich wird eine zweite entscheidend wichtige Qualität angetriggert, die für den Kino-Erfolg von Bedeutung ist: die Unberechenbarkeit. „Er ist wieder da“ ist ein Film, der garantiert keine Vorhersehbarkeit zulässt. Hier wurde kein bestehendes Rezept abgekupfert. Es liegt keine erkennbare dramaturgische Blaupause vor. Zwar werden von den beteiligten Stars (Christoph Maria Herbst, Fabian Busch, Katja Riemann etc.) die sattsam bekannten Klischees des Medienbetriebs durchgespielt und in einer knapp skizzierten ‚Story‘ sogar minimal dramatisiert. Doch dieser Plot behält bis zum Schluss seine Originalität bei. Insofern  ergibt sich da eine Kongruenz des erzählerischen Ansatz mit seiner Hauptfigur: beide wechseln nicht die Perspektive, beide denken nicht daran, von ihrem Weg abzuweichen. In dieser Qualität liegt viel der Attraktivität des Films.

So gesehen bietet „Er ist wieder da“ fürs deutsche Kino der Gegenwart Erstaunliches. Zugleich ist der Film fordernd und auf keinen Fall leicht konsumierbar.

Insofern fallen Marktprognosen extrem schwer. Von Seiten der Kritik und der Wortführer des bürgerlichen Publikums dürfte eher Anerkennung kommen. Aber ist es wirklich vergnüglich, diesem eher galligen Humor zu folgen? Kommen Menschen, die eher einfach gestrickte Unterhaltung suchen, wirklich auf ihre Kosten?! Diese Frage wird man erst in ein paar Wochen beantworten können. Dass der Film neue Wege aufgezeigt und einen neuen Stil quasi im Alleingang begründet hat, lässt sich schon jetzt kaum bestreiten. Und das ist im gegenwärtig eher konventionell und mutlos erzählten deutschen Kino schon sehr viel.

München, 9.10.2015

Roland Zag

moviepilot.de