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Filmbesprechung

Exit Marrakech

Buch und Regie: Caroline Link

Die erzählerische Absicht des Films scheint die leisen Töne zu suchen. “Exit Marrakech” folgt der zunächst eher unspektakulären Reise von BEN (Samuel Schneider), der in Marokko seinen Vater HEINRICH (Ulrich Tukur) besucht. Bens Problem scheint darin zu bestehen, sich vom Vater nicht wirklich gesehen, gewürdigt, gewertschätzt zu fühlen – ohne dies allerdings klar benennen zu können (bezeichnender Weise erwähnt der Schuldirektor explizit die Worte “Ich sehe dich, Ben!” Ein Hinweis, dem der Film aber später nicht mehr nachgeht). In Ben lebt ein kaum je klar artikulierter, aber spürbarer Groll gegen Heinrich. Bens Form der Rebellion besteht darin, sich spontan auf eine Reise mit der Prostituierten KARIMA (Hafsia Herzi) einzulassen und so den Vater zu zwingen, sich endlich mal auf ihn zu fokussieren.

Während “Exit Marrakech” optisch und äußerlich eher opulent, farbenprächtig und filmisch attraktiv wirkt, passiert weder im Plot noch in der Beziehung von Vater und Sohn allzu Spektakuläres. Man muss sich geduldig damit begnügen, einer intimen Geschichte der versteckten Konflikte und indirekten Annäherungen beizuwohnen. Sie wird bis zum Schluss eher beiläufig, untergründig, subtil unter der Oberfläche erzählt  – was die emotionale Beteiligung sicherlich nicht einfach macht. Einige triftige dramaturgische Hilfsmittel,  die hier zur Intensivierung der Wirkung beitragen könnten, fehlen ganz bewusst: man kann weder von großer Benachteiligung eines der beiden sprechen (wodurch es schwer wird, Partei zu ergreifen); noch gibt es einen echten Clash der Haltungen und Werte. Die soziale Brisanz Nordafrikas bleibt unerwähnt.

Während Heinrich so etwas wie eine abgeschlossene Philosophie zu haben scheint, nach der er lebt (wovon man aber nicht viel erfährt), bleibt Ben in seinem Erleben und Empfinden weitgehend unzugänglich. Aus seinem trotzigen Wesen ist trotz seiner künstlerischen Versuche nicht viel an Ambition, Bindung  oder Haltung zur Welt heraus zu lesen. Wie er mit seiner Diabetes-Erkrankung (die lebensbedrohlich sein kann!) innerlich umgeht, bleibt unerwähnt. Auf die Begegnung mit Karima reagiert er letztlich gar nicht. Eigentlich nimmt Ben innerlich mit niemandem wirklich Kontakt auf. Und das dramaturgische Ziel des Films – Bens Begegnung mit seiner Halbschwester Paula – scheint keine allzu große Bedeutung für ihn zu haben. Auch wenn sich hier am Ende durchaus eine Form von sozialem Zuwachs zumindest andeutet, wird dadurch Bens Wandlung kaum spürbar. Ben bleibt bis zum Schluss eher eine unzugängliche Blackbox. All dies sind Zeichen dafür, dass “Exit Marrakech” emotional auf einem limitierten Level der inneren Bewegung bleibt.

Dennoch ist eine Annäherung von Vater und Sohn im Verlauf des Films durchaus zu erkennen. Der große Wendepunkt in Bens Entwicklung besteht darin, dass er am dramatischsten Moment der Handlung, nämlich nach einem fatalen Autounfall, seinen Vater retten muss. Dieser Akt von Geben und Nehmen bildet den Umschwung in seiner Haltung zu Heinrich, die am Ende etwas versöhnlicher wird. Doch auch da wieder bleibt der Film erzählerisch äußerst zurückhaltend.

“Exit Marrakech” lebt also in einer starken Spannung zwischen filmisch aufwändiger Inszenierung (immer wieder an der Grenze zum farbenfrohen Klischee) und einer Geschichte zweier Menschen, deren innere Not nicht allzu groß, deren Annäherung aber doch erkennbar ist. Diese Spannung kann man als subtilen künstlerischen Akt des Understatements würdigen; man kann aber das Missverhältnis zwischen äußerer Form und innerem Gehalt auch als Eskapismus zweier wohlstandsgeschädigter Menschen ablehnen und auf dem Standpunkt stehen, dass hier Nordafrika nur als Folie für eine letztlich sozial kaum relevante Beziehungsgeschichte missbraucht wird.

Am Markt dürfte der Film durch seine höchst ansprechende formale Gestaltung, vor allem aber auch durch das Paket von Regie, Hauptdarsteller und Location auf zunächst großes Interesse stoßen. Einen wirklich fulminanten Erfolg mit starker Mundpropaganda aber dürfte die emotional doch eher reduzierte, wenig bewegende Geschichte kaum hergeben.

Roland Zag

München, 29.10.2013

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