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Filmbesprechung

Fack ju Göthe

Buch und Regie: Bora Dagtekin

Im Grunde liegt die halbe Miete für eine wirklich zündende Komödie im Finden einer Prämisse: sie sollte möglichst Unvereinbares, Inkompatibles, in sich Widersprüchliches beinhalten, die – durch welche Umstände auch immer – dann irgendwann sich als vereinbar erweisen. In dieser Hinsicht ist die Grundidee von “Fack ju Göhte” kaum zu schlagen. Was wäre absurder, komischer, dramatischer, als ein entlaufener ungebildeter Strafgefangener, der auf der Suche nach einem vergrabenen Schatz durch eine dumme Verwechslung ausgerechnet als Lehrer einer Gesamtschule Anstellung findet?! Ein Rabauke und Übeltäter als Vermittler von pädagogischen Werten der Hochkultur? Was für ein Coup!

Der komische Reiz liegt natürlich darin, dass in diesem Fall allein der brutale, selbstsüchtige und rabiate ZEKI (Elyas m’Barek) in der Lage ist, die außer Rand und Band geratenen Schüler zu bändigen, zu zähmen und auf den “rechten Weg” zu bringen – während die wohlmeinende, politisch korrekte LISI (Karoline Herfurth) an ihren eigenen Ansprüchen zunächst gnadenlos scheitern muss.

Insofern trägt der eigentlich vordergründige Film eine erstaunlich provokante These in sich: denn wenn man “Fack ju Göhte” ernst nimmt, kommt kein noch so wohlmeinendes und politisch korrektes pädagogisches Konzept ohne rabiate Methoden aus, um sich Autorität zu verschaffen. Ob man diese These aus ethischer Sicht wirklich so vertreten mag, muss offen bleiben. Dem eigentlichen Zielpublikum, nämlich Schülern und Jugendlichen, wird es jedenfalls einen Heidenspaß machen, in einer Schulkomödie genau jene Fäkalsprache, jene Rücksichtslosigkeit samt Paintballgewehr, die im politisch korrekten Schulalltag eigentlich penetrant vermieden werden müssen, als probate Erziehungsmethode zu sehen.

Allerdings verlässt sich die Dramaturgie nicht auf die starke Prämisse allein. Indem Zeki und Lisi allmählich zusammen kommen sollen, verlangt dies nach einer beidseitigen Wandlung der Figuren. Zeki muss etwas von Lisi annehmen und umgekehrt. Diesen Prozess nimmt “Fack ju Göhte” ernst. So kommt es sogar mitunter zu wirklich zarten, sehr innerlichen Szenen: etwa wenn Zeki beim Graben seines Tunnels auf eine Kiste mit Briefen von Lisi stößt (ganz gleich, wie man die logische Frage, wie diese Briefe AUSGERECHNET dort hin gekommen sein mögen, beantworten will…). Oder wenn er, sobald er sein Geld gefunden hat, auf einmal zu weinen beginnt und kollabiert, weil ihm klar wird, wie wenig ihm sein Geld eigentlich weiterhilft. Er begreift,  wie wenig Zukunft er hat… Hier wird sehr deutlich, dass Zeki ein bisher eigentlich hoffnungsloses Leben gelebt hat. Der Weg, auf dem er Stück für Stück lernt, für sich selbst – und damit auch für andere – Verantwortung zu übernehmen, wird ausführlich nachvollzogen. Hier erzählt der Film eine echte Wandlung. Die Schere zwischen Want (=das Geld) und Need (= Verantwortung und Liebe) könnte kaum größer sein.

Für Lisi ist der Bogen der Wandlung naturgemäß weniger stark ausgeprägt. Bei ihr reicht es, wenn sie lernt, sich durchzusetzen. Im Grunde setzt sich ja das Wertesystem von Lisi nahezu restlos durch: Zeki schwört seiner Vergangenheit ab und wird, weitgehend in Lisis Sinne, “brav”. Diese Botschaft mag schal klingen. Sie wird aber doch glaubwürdig unterfüttert, indem Zeki lernt, FÜR ANDERE da zu sein. Auch auf diese eigentlich nebensächlichen Handlungsstränge, wo Zeki Kindern hilft, ihre Begabung zu entdecken und zu sich selbst zu finden, verwendet der Film viel Zeit: etwa wenn CHANTAL (Yella Haase) ihre Begabung für technische Innovationen oder DANIEL (Max von der Groeben) seinen Hang zum Theater entdecken.  So findet “Fack ju Göhte” nicht nur eine brillante Prämisse. Sie wird auch ernsthaft und mit viel Gefühl für die Figuren bis ins Ziel weiter verfolgt.

Daraus ergibt sich das Fazit, dass “Fack ju Göhte” die besten Aussichten hat, beim Zielpublikum blendend anzukommen und entsprechend abzuräumen. Das deutsche Kino braucht diese Filme – gleichgültig, für wie pädagogisch oder künstlerisch wertvoll man sie hält. Man darf von Glück sagen, dass genügend Know How unterwegs ist, dergleichen immer mal wieder gelingen zu lassen.

München, 15.11.2013

Roland Zag

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