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Filmbesprechung

Familienfest

Buch: Martin Rauhaus, Andrea Stoll; Regie: Lars Kraume

Die Institution Familie bietet dem filmischen Erzählen ein unerschöpfliches Reservoir von Konflikten, die beliebig variierbar und doch strukturell immer gleich sind. Die Familie zwingt gerade bei größeren Feiern Menschen unterschiedlichster Haltung, Erfahrung und Wertvorstellungen auf einen kleinen Raum. Dies kreiert zwangsläufig den Zusammenprall von inneren und äußeren Ambitionen. Insofern ist das Genre ‚Familienfilm’ eine feste Größe mit einigen legendären Beispielen wie z.B. „Das Fest“.

In „Familienfest“ kreist alles um den egomanischen Pianisten HANNES (Günther-Maria Halmer), der seine zwei Frauen und drei Kinder samt Anhang mehr oder weniger tyrannisiert. Niemand kommt mit ihm wirklich zurecht, doch die Geburtstagsfeier zwingt alle in eine unausweichliche Nähe. Damit sind die Rollen schnell verteilt und die Konflikte vorprogrammiert. Vor dem Negativ-Abziehbild des selbstherrlichen Patriarchen stellen sich die zahlreichen Schwächen der übrigen Familienmitglieder (Alkoholprobleme, Krankheiten, Geldsorgen, verschwiegene Homosexualität, Helfersyndrom usw.) als zweitrangig heraus. Die Bösen und die weniger Bösen sind klar definiert.

Das spezifische Vergnügen solcher dramaturgischer Konstellationen besteht darin, versteckte Konflikte an die Oberfläche zu holen. Der familiäre ‚shit-storm‘, der dadurch entsteht, bereitet dem Zuschauer das Vergnügen, einem Feuerwerk von Vorwürfen und Schuldzuweisungen beizuwohnen, die man sich selbst in ähnlichen Situationen vermutlich kaum gestatten würde, obwohl man sie sich eigentlich wünscht.

So kommt es auch hier zu einem handwerklich gekonnt aufbereiteten Crescendo von Konfrontationen.  Dennoch bleibt die Frage, worum es eigentlich geht. Denn wirkliche emotionale Wucht kann beim Publikum erst entstehen, sobald universelle Ebenen des Erlebens angesprochen werden – was hier längere Zeit eher nicht der Fall ist. Zu viele diverse Themen schwirren durcheinander. Eine klare thematische Fokussierung (wie etwa bei „Das Fest“) lässt sich lange Zeit schwer erkennen.

Erst als MAX (Lars Eidinger) sich als todkrank heraus stellt, dringt der Film zu einer universelleren Fragestellung durch: was ist wichtiger – die eigene Befindlichkeit, oder das Sterben eines jungen Mannes? Diese Frage nach den letzten Dingen des Lebens betrifft nun wirklich alle Menschen. So erreicht nur das letzte Drittel des Films jene Bereiche, in denen der Zuschauer auf eine grundlegende polare Fragestellung stößt. Mit dem Sterben-Müssen ist jeder konfrontiert. Also liegt dort das emotionale Zentrum, die Klimax und Katharsis, nach der sich alles ändert und löst.

Zugleich muss aber auch gesagt werden, dass die dramaturgische Keule des unerwarteten Todes einer Hauptfigur nicht gerade zu den originellsten Waffen der Autoren gehört, und die Antworten, die hier gegeben werden, glänzen nicht durch Originalität. Daher stellt sich aufgrund der erwartbaren Wendungen die grundsätzliche Frage nach der unbedingten Notwendigkeit dieses Projekts. „Familienfest“ ist ein Film, der sich nicht viel Mühe gibt, Besonderes zu zeigen. Vielmehr werden altbekannte Muster auf hohem Niveau wiederholt.

Man darf sich also fragen, wie ein Film ohne Alleinstellungsmerkmale auf dem überhitzten Kinomarkt reüssieren soll. Die Erfahrung zeigt, dass die Zeit für Arbeiten ohne echte Dringlichkeit vorbei ist. All jene Arbeiten der letzten Jahre, die offenbar nicht deshalb gedreht wurden, weil ein kreativer Druck dahinter stand, sondern weil gerade Geld da war, sind meist sang-und klanglos untergegangen.

Gemessen an den Herausforderungen, vor denen die deutsche Filmbranche steht (und mit ihr die deutsche Förderpolitik); gemessen auch an der thematischen Relevanz, die ein Film heute aufweisen muss, um sich Gehör zu verschaffen, muss leider auch „Familienfest“ als ‚gewogen und zu leicht befunden‘ bezeichnet werden. Eine relevante Resonanz bei den Zuschauern ist jedenfalls nicht zu erwarten. Was schade ist.

München, 29.10.2015

Roland Zag

filmstarts.de