aktuelle

Filmbesprechung

Fenster zum Sommer

Buch und Regie: Hendrik Handloegten

Filme leben ganz entscheidend vom freien Spiel mit Zeit und Raum. Was im realen Leben unmöglich ist, kann hier scheinbar nach Belieben simuliert werden. In Beispielen wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, „Die Tür“ oder gerade erst „Source Code“ wird ganz unterschiedlich die universelle Frage aufgeworfen, wie wir uns verhalten, wenn wir die Chance erhalten, nachträglich in unser Schicksal eingreifen zu können, letztlich mit dem Ziel, unsere Zukunft zu verbessern.

Im deutschen Genrefilm „Fenster zum Sommer“ entsteht quasi eine Art Liebeshorror dadurch, dass JULIANE (Nina Hoss) im Moment des scheinbar größten Glücks mit AUGUST (Mark Waschke) in Finnland einschläft, um dann drei Monate vorher im grauen Berliner Beziehungsalltag mit PHILIPP (Lars Eidinger) erschreckt wieder aufzuwachen. Es gilt nun, das gedanklich reizvolle Experiment mit Leben zu füllen und uns Juliane anhand ihrer Möglichkeiten näher zu bringen. Wie geht sie mit der unverhofften Chance um? Wie verhält sie sich in ihren Beziehungen, privat und am Arbeitsplatz? Welche Änderungen an ihrem Schicksalslauf erscheinen uns nach und nach wünschenswert? Das Potential, hier zunehmend emotionale Beteiligung an ihrem Schicksal zu erzeugen, erscheint grundsätzlich hoch. Das Bewusstsein, nicht nur zwischen zwei Zeiten zu leben, sondern auch zwischen Männern zu stehen, könnte sie innerlich zerreißen und enorm fesselnd verlaufen.

In „Fenster zum Sommer“ geschieht jedoch etwas anderes. Juliane scheint nur vom Ende her zu kommen und zu denken. Ihr Handeln ist lange Zeit ganz eindimensional darauf aus, wieder in den Glücksmoment zu gelangen. An der Beziehung mit Philipp liegt ihr mit dem zukünftigen Wissen, dass es August für sie geben könnte, überhaupt nichts mehr. Angesichts dieses mangelnden Commitments kann sich hier kein Loyalitätskonflikt entfalten. Die Bindung an Philipp ist von ihrer Seite aus so schwach, dass sie die Beziehung vom ersten Moment der zweiten Chance an aufgibt und Philipp sogar im Job (sie dolmetscht Finnisch für ihn) im Stich lässt.

Stattdessen sehen wir ihr bei dem komplizierten Unterfangen zu, den völlig unbekannten August dazu zu bringen, sie überhaupt wahrzunehmen, sie kennen zu lernen und sich schließlich in sie zu verlieben. Das ist eine Angelegenheit, die vor allem rationale und sinnliche Reize entfaltet, aber emotional kalt und zwischenmenschlich distanziert wirkt. Wir sehen einer reinen, zweckorientierten Manipulation zu, bei der sich – im Gegensatz zum legendären „Murmeltier“ – keine Figur wandelt und keine gegenseitige, emotional nachvollziehbare und spürbare Liebesbeziehung entsteht. Insofern bleibt der romantische Kernbereich dieses Psychothrillers blutarm. Auch über die Figur Juliane erfahren wir im Laufe dieser sachlichen Bemühungen nur wenig und bleiben in Distanz zu ihr.

Für Leben und Konflikt sorgt dagegen der Strang mit EMILY (Fritzi Haberlandt). Die Freundin und Mutter von OTTO (Lasse Stadelmann) war bei einem Unfall ums Leben gekommen, lebt aber nun dank des Zeitsprungs wieder. Wenn Juliane – etwas spät – erkennt, dass sie auch den Unfall von Emily verhindern muss, geraten zwei Zielsetzungen in einen wirksamen Konflikt. Sie muss sich – so scheint es zumindest einige Zeit – zwischen der Liebe und dem Leben ihrer Freundin entscheiden. Als dieser Konflikt etabliert ist, ergibt sich für die Spannungsdramaturgie das Problem, dass immer noch einige Wochen zu füllen sind, mit denen Juliane nicht wirklich etwas anzufangen weiß. Otto rät ihr deshalb, bis zum entscheidenden Moment einfach zu tun, was sie wolle. Aber auch damit kann sie – völlig obsessiv auf die Zukunft fixiert – wenig anfangen, und damit landet die Nebenhandlung dort, wo auch der Hauptstrang sich bewegte: im mangelnden Commitment.

Insgesamt wirkt dieser Genrefilm daher über weite Strecken spannungslos und steuert auf ein dann doch wieder dramatisches Ende zu. Allerdings muss die Protagonistin den Kampf mit dem Schicksal trotz aller Anstrengungen verlieren. Dadurch bleibt die ohnehin nicht besonders starke Wunschentwicklung des Publikums erst recht unbefriedigt.

MARKTEINSCHÄTZUNG:


Auch „Fenster zum Sommer“ wird es kaum gelingen, den heimischen Malus für Psycho- oder Mystery-Thriller zu überwinden. Obwohl die Prämisse durchaus ihre gedanklichen Reize hat und mitunter äußere Spannung entsteht, bleibt die emotionale Beteiligung gering. Es gelingt dem Film nicht, die Hauptfigur aus der Distanz der rationalen Prämisse zu entheben und dem Zuschauer näher zu bringen. So liegt ein Film vor, der aufgrund seiner Besetzung eigentlich sechsstellige Besucherzahlen erreichen könnte. Nina Hoss ist immer wieder sehenswert, aber ihr Millionenerfolg „Die weiße Massai“ liegt schon wieder einige Jahre zurück und ihre jüngsten Kinofilme waren keine Erfolge. Lars Eidinger, dem mit „Alle anderen“ der Durchbruch gelang, hat hier wie in „Hell“ eine undankbare Rolle, die schnell geopfert und zur Seite gedrängt wird. Der Regisseur und Autor Hendrik Handloegten schaffte mit „Liegen lernen“ 2003 mehr als 300.000 Zuschauer. Da wird der neue Film vermutlich deutlich drunter bleiben. Die schlussendlichen Zuschauerzahlen sollten aufgrund der mangelnden Emotionalität und Wunscherfüllung maximal 50.000 erreichen. Wahrscheinlich bleiben sie aber auch bei Werten um 25.000 hängen.


Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass


Berlin, 3. November 2011

Bildunterschrift