aktuelle

Filmbesprechung

Frau Ella

Buch: Dirk Ahner (nach dem Roman von Florian Beckerhoff)
Regie: Markus Goller


Die Prämisse der Geschichte beruht auf einem  Akt von Geben und Nehmen. Zunächst ist es SASCHA (Matthias Schweighöfer), der aus reiner Gutherzigkeit nicht mit ansehen will, wie die einsame FRAU ELLA (Ruth-Maria Kubitschek) einer gefährlichen und unnötigen Operation unterzogen werden soll, und diese in der Folge aus der gefährlichen Zwangslage rettet. Darin liegt bereits viel ‘human factor’. Frau Ella wiederum erkennt, dass Sascha in einer schwierigen Entscheidungssituation steckt: er ist dabei, die Beziehung zu seiner Freundin LINA (Anna Bederke) wegen deren Schwangerschaft aufs Spiel zu setzen. Frau Ella setzt sich tätig dafür ein, dass Sascha hier keinen Fehler macht: sie versucht, ihm die Augen zu öffnen. Im Austausch dafür wiederum sorgt Sascha gemeinsam mit seinem Freund KLAUS (August Diehl) dafür, dass sich Frau Ella einen nie mehr für möglich gehaltenen Lebenstraum erfüllen kann… Dieses warmherzige Füreinander-Einstehen sichert der Geschichte bis zum Schluss eine starke, menschenfreundliche Emotion.

Gleichzeitig erkennt man, dass der eigentlich zugrundeliegende KONFLIKT nicht besonders intensiv, und vor allem rein INNERLICH ist. Einzig Sascha plagt sich mit einem inneren Dilemma – während es äußerlich betrachtet eigentlich wenig zwingende Gründe gibt, um nach Paris bzw. an die Atlantikküste zu fahren. Wenn man so will, ist die Reise, die in “Frau Ella” unternommen wird, lediglich ein riesiger innerer Umweg von Sascha zurück zu seiner Freundin Lina – sozusagen eine Auszeit, ein großes Zu-Sich-Kommen, verbunden mit einer Reise zu sich selbst.

All das ist stimmig und logisch angelegt – zeigt aber auch auch, dass von Haus aus in “Frau Ella” gar nicht so rein viel komisches Potenzial steckt. Die Konflikte, Lebenslügen und Missverständnisse, aus denen der Humor immer seine Kraft speist, muss über Strecken künstlich hergestellt werden, während Saschas eigentliches Thema ein sehr besinnliches ist.  Dass dem großen Ausflug, der natürlich dem Publikum in erster Linie Spaß machen soll, ein eigentlich sehr heftiger innerer Konflikt beigemischt ist, droht immer wieder  vergessen zu werden. Hier liegt ein innerer Widerspruch, mit dem der Film fertig werden muss. Die  introvertierte Beschäftigung mit der Frage, ob Sascha nun Familienvater werden will oder nicht, konkurriert mit der Notwendigkeit der Komödie, Tempo zu machen und witzige Konfliktreibung zu erzeugen.

Es gibt durchaus Momente, an denen dieses dramaturgische Dilemma spürbar wird. Einerseits droht beständig Saschas eigentliche Bindung an Lina unterzugehen (wobei der Gedanke an sein Kind ganz unter den Tisch fällt). Hingegen muss die Dramaturgie des Road-Movie dann zwischenzeitlich sogar eine etwas konstruiert wirkende Eifersucht zwischen Klaus und Sascha um die Gunst einer 87-Jährigen (!) bemühen, um immer wieder Tempo zu machen und die Protagonisten zu einem Konflikt anzutreiben, der eigentlich per se gar nicht angelegt ist. Insofern das emotional nicht immer logisch wirkt, lässt die Dramatik des Films gegen Ende des 2. Aktes sicherlich nach. Doch indem der Rahmen des Ganzen, wie erwähnt, auf einem großen Miteinander und aktivem Geben und Nehmen beruht, kommt die Story am Ende sicher und emotional ergiebig nach Hause.

Insgesamt ist es bemerkenswert, dass die Marke “Matthias Schweighöfer” hier spürbar an ein älteres und reiferes, weniger am Schenkelklopfen, sondern der Besinnung orientiertes Publikum angepasst werden soll. Dies ist eine wohl erfolgversprechende Erweiterung – auch wenn in diesem Marktsegment nicht dieselbe Zahl von Zuschauern zu erwarten sein dürfte. “Frau Ella” hat zweifellos die Anlage zu einem publikumsstarken Film, aber nicht zum Knaller à la “Schlussmacher”. Trotzdem ist es wohl diese Art von unterhaltsamem, publikumsträchtigem, dabei nicht menschenverachtendem Film, welche gegenwärtig gute Argumente für das von juristischen Winkelzügen bedrohte deutsche Kino liefert.

München, 22.10.2013

Roland Zag

Bildunterschrift