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Filmbesprechung

FRITZ LANG

Buch: Gordian Maugg, Alexander Hussar; Regie: Gordian Maugg

Der Künstler in der Schaffenskrise, der für seinen neuen Film neue Impulse sucht, ist ein filmisch ergiebiges und erprobtes Mittel, etwa in Arbeiten wie „Capote“ oder „Hitchcock“. In beiden Fällen suchte ein Kreativer Inspiration auf Feldern, die für ihn und sein Schaffen neu waren. Diesem Schema folgt im Prinzip auch „Fritz Lang“. Nur ist die Herangehensweise hier wesentlich dokumentarischer, indem die Grenzen zwischen ‚Alt‘ und ‚Neu‘, zwischen ‚Echt‘ und ‚Nachgestellt‘ bis zur Unkenntlichkeit verwischen. Diese ästhetische Technik eignet sich in diesem Fall besonders gut. Insofern ist der Film rein filmisch auf jeden Fall ein spannendes, innovatives Werk, welches aus der gängigen Masse klar heraus ragt.

Schaut man jedoch rein dramaturgisch auf den Ansatz, zeigt sich, wie wichtig es ist, erzählerisch EINER Linie zu folgen. Der Film „Fritz Lang“ tut das nicht - und macht es so seinem Publikum schwer, den Faden nicht zu verlieren.

Denn letztlich erzählt der Film gleich drei Geschichten.

- Da ist einmal die Geschichte der Menschenjagd: Schließlich heißt der Film, den LANG (Heino Ferch) im Anschluss an die Filmhandlung drehen wird ‚Eine Stadt sucht einen Mörder‘. Das Hauptgewicht liegt auf „Eine Stadt“ - und tatsächlich ist dieser Film in erster Linie einMeisterwerk in der Schilderung kollektiver Prozesse. Diese treten aber in „Fritz Lang“ stark zurück.

- Dafür beschäftigt sich der Regisseur sehr intensiv mit dem Serienmörder KÜRTEN (Samuel Finzi). Diese Beschäftigung hat aber wieder zwei Seiten. Da ist einmal der Kindermörder, der Kürten nebenbei auch war, und welcher tatsächlich für die Gestaltung der Peter-Lorre-Figur in „M“ von Bedeutung ist.

- Hinzu kommt aber auch noch der Frauenmörder Kürten, dessen abnorme Sexualität Fritz Lang viel mehr zu beschäftigen scheint. Dies aber hat keine Auswirkung auf seinen nächsten Film, sondern eher auf die Beschäftigung mit Langs Eheproblemen. Seine Beziehung zu THEA (Johanna Gastorf) ist zerrüttet; durch eine Tatzeugin fühlt er sich an seinen ersten Ehebruch erinnert. Hier läuft die Filmhandlung klar in zwei entgegengesetzte Richtungen: einmal die der Suche nach neuer Inspiration, zum andern in die der persönlichen Beziehungsdynamik.

- Zuletzt aber wird auch noch Langs Zeit als Soldat mit verarbeitet, was wieder eine andere Thematik aufschließt, nämlich die nach persönlicher Schuld. Als Soldat im ersten Weltkrieg war er mitverantwortlich für zahllose Tötungen. Aber lässt sich der mörderische Wahn Kürtens tatsächlich mit dem eines Weltkriegs-Soldaten vergleichen?

Es sind also gleich eine ganze Reihe von wichtigen Themen, die hier in etwas bildungsbürgerlicher Akkuratesse vor dem Zuschauer ausgebreitet werden. Auf keine der Spuren kann man sich ganz einlassen. Überall macht sich der Wunsch breit, ALLES zu erzählen und die eigene Gelehrsamkeit unter Beweis zu stellen.

Dieses Verfahren hilft zwar der dokumentarischen Information. Der Film macht sicherlich neugierig auf die näheren Lebensumstände des Regisseurs. Wer ihn gesehen hat, kann ein Stück weit mitreden. Doch die sicherlich auch angestrebte emphatische Aufnahme der Story wird durch die vielen unterschiedlichen Richtungen und emotionalen Wirkungsmechanismen nicht unterstützt.

Insofern bleibt „Fritz Lang“ ein doch eher zerebrales Unterfangen, welches den Zuschauer gut informiert - aber kaum emotionalisiert. Für einen relevanten Markterfolg sind das keine guten Voraussetzungen.


München, 1.5.2016

Roland Zag

How to be Single

Quelle: Abendzeitung München