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Filmbesprechung

Goethe!

Buch: Christoph Müller, Alexander Dydyna, Philipp Stölzl Regie: Philipp Stölzl

Wer sich mit Deutschlands Dichterfürst filmisch einlässt, bewegt sich auf dünnem Eis. Man weiß zu viel über Goethe; seine Persönlichkeit ist zu vielseitig und schillernd, als dass man ihn in einem Film als ernsthaften und komplexen Charakter so ganz zu fassen bekommen könnte.

„Goethe!“ geht mit dem Problem, dass man dem Dichter sowieso kaum gerecht werden kann, offensiv um. Aus dem blutjungen Dichter ist hier ein quasi moderner Mensch geworden – ganz ohne die moralisch-philosophische Tiefe, auch ohne die titanische Unbedingtheit, die den echten Goethe von Beginn an ausgezeichnet hat. Der historischen Figur wird man so vielleicht nicht ganz gerecht. Dafür ist der Dichter in diesem Film ein sympathischer, handfester Kerl quasi von nebenan.

Der Anspruch des Films ist also nicht historisch-politisch motiviert. Es geht um eine möglichst unterhaltsame Kreuzung aus Coming-of-Age und Romantic Comedy.

Wie immer steht und fällt gerade der Aspekt des Romantischen mit der Intensität und dem Austausch zwischen den Liebenden. Hier hat „Goethe!“ viel zu bieten. Es wird von Beginn an erkennbar darauf hingearbeitet, dass zwischen GOETHE (Alexander Fehling) und LOTTE (Miriam Stein) die Anziehung nicht nur körperlicher Art ist, sondern beide sich auf einer tieferen Ebene verstehen. Austauschmedium ist die Liebe zu Kunst und Literatur. Lotte verehrt das Theater. Indem sie in Goethe einen Dichter kennenlernt, ist klar, dass ihr Herz höher schlägt – erst recht im direkten Vergleich mit ihrem phantasielosen Verlobten KESTNER (Moritz Bleibtreu). Noch dazu wo sie Goethes dichterisches Talent quasi exklusiv für sich selbst in Besitz nehmen kann, denn eigentlich versucht er ja gerade, „sich das dichten abzugewöhnen“. Nur sie weiß, was in ihm steckt. Das ist äußerst ergiebig.

Im Austausch der Liebenden hat „Goethe!“ sicherlich die größten Stärken. Ganz selten ist es im deutschen Kino der letzten Jahr gelungen, über die physische Anziehung hinaus wirklich GEGENSEITIGKEIT zu gestalten.

Nur leider ist die Phase, in der diese sich entfalten kann, nicht allzu lang. Es gibt zwei ausgedehntere Passagen, in denen die Beziehung wirklich zum Leuchten kommt, und beide stehen relativ früh. Danach beginnt die Phase des allmählichen Verglühens und Verblassens, und die macht dem Film auf der emotionalen Ebene ein wenig zu schaffen.

Der eigentliche Plot des Films ist sicherlich raffiniert konstruiert. Die Wendungen sind logisch, unterhaltsam und prägnant. Dennoch wird man kaum verleugnen können, dass die innere Dichte in dem Maß nachlässt, in dem die Liebenden nicht mehr wirklich miteinander kommunizieren können.

Am Ende steht Goethe vor der Entscheidung: Liebe oder dichterische Karriere. Die Mechanik der romantischen Komödie hätte hier die Wahl für Ersteres erfordert. Doch  jeder weiß, dass Goethe Dichter wurde und nicht der Ehemann von Lotte Buff. Insofern ist ein romantisches Happy End unmöglich.

Daher ist der Moment, wo Goethes Buch zum Bestseller wird, für den Künstler zwar ein Triumph – für den Liebenden aber auch eine Niederlage. Und damit auch für die Liebhaber romantischer Gefühle.

Gegen diese strukturelle Schwierigkeit des Stoffes ist nichts zu machen. Ein echtes, romantisches Ende ist unmöglich. Dies führt dazu, dass der Film sicherlich auf ein positives Echo stoßen wird. Doch der ganz unwiderstehliche Sog, der mitreißende Schwung, der die Zuschauer gleichsam beseligt entlässt, stellt sich nur bedingt ein. Das, was bleibt, ist allerdings immer noch genügend, um ein vorherrschend positives Echo zu garantieren.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag


Markteinschätzung:

Zwei entscheidende Zuschauergruppen sind bei „Goethe!“ schwer einzuschätzen: zum einen die Anzahl von Schulvorstellungen und zum anderen das auf diesen Film bezogene Verhalten des bildungsbürgerlichen Publikums. Die erste Gruppe hat zum Beispiel bei „Sophie Scholl“ oder „Krabat“ für erhebliche Zusatzeffekte gesorgt. Bei dem neuen Film von Philipp Stölzl aber ist aufgrund der starken Fiktionalität und nur geringen Nähe zur historisch komplexen Überfigur eine geringere Unterstützung von Lehrern durchaus möglich.

In Bezug auf die zweite Gruppe konnten zuletzt etwa „Die Buddenbrooks“ die Millionengrenze ganz erheblich dank des Wohlwollens und Kaufverhaltens von überdurchschnittlich gebildeten Zuschauern überschreiten. Für den Dichterfürsten in Love ist dieser starke Zuspruch ebenfalls nicht so sicher, da auch hier die biographische Untreue und die historisch abgewandelte Liebesgeschichte eher nachteilig wirken könnten. Im Vergleich zu den mehr als drei Millionen Kinozuschauern, die 1999 „Shakespeare in Love“ erzielte, dürfte der nicht voll befriedigende Verlauf der romantischen Geschichte hier für eine deutliche niedrigere Zahl besonders bei den weiblichen Publikumsschichten, aber doch für einigen Zuspruch bei jüngeren Zuschauern sorgen. Insofern sind die Aussichten für diese ansehnliche und schwungvolle deutsche Produktion insgesamt gesehen gut, aber nicht sehr gut, da auch die Schauspieler keine starken Zusatzeffekte setzen können. „Nordwand“, der weitgehend anders gelagerte, vorherige Film des Regisseurs, blieb knapp unter 500.000 Zuschauern. Da sollte „Goethe!“ mit einer relativ langen Laufzeit drüber kommen, aber die Obergrenze liegt dann unserer Einschätzung nach – im gegenwärtig überhitzten Marktumfeld – am Ende wohl bei 750.000.


Markteinschätzung: Norbert Maass

Nürnberg/München 15.10.2010

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