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Filmbesprechung

Grossstadtklein

Buch und Regie: Tobias Wiemann

Für den prägnanten, trennscharfen Auftritt eines Films am Kinomarkt hilft es, wenn sich die erzählerische Absicht möglichst eindeutig durch einen Antagonismus definieren lässt. So liegt z.B. die erzählerische Absicht von „Ziemlich beste Freunde“ darin, zu zeigen, dass gegenseitige Hilfeleistungen auch gegen den Widerstand extremer Standesunterschiede möglich sind. Der Antagonismus liegt dort in der Schilderung gegensätzlicher Wertvorstellungen.

Auch in „Grossstadtklein“ deutet sich eine solche Absicht an. Der titelgebende Konflikt zwischen Großstadtleben und dem Leben auf dem Land könnte durchaus als zentraler Antagonismus herhalten. De facto allerdings spielen die Unterschiede zwischen provinziellem und urbanem Lebensgefühl nahezu keine Rolle. Wenn OLE (Jakob Matschenz) nach Berlin kommt, macht er sich dort so wenig als „Landei“ kenntlich, wie sein Cousin ROKKO (Klaas Heufer-Umlauf) beim Begräbnis des Großvaters in der Uckermark Probleme mit der Provinz hat. Das Landleben wirkt wenig hinterwäldlerisch, und die Metropole erst recht nicht als furchterregender Sündenpfuhl. Dieser Antagonismus wird also kaum bespielt, und Rokko irgendwann zur Nebenfigur.

Als Konfliktfeld wäre dann noch die Rivalität zwischen den Vätern von Ole und Rokko zu sehen, die sich einst um die Gunst zweier Frauen – die auch noch Schwestern sind – gestritten haben. Dieser Konflikt wird allerdings in der Peripherie der Handlung ausgetragen und bezieht sich auf Personen, die wir wenig (Oles VATER – Markus Hering – bzw. MANNI – Tobias Moretti) oder gar nicht kennen lernen (Tante Melanie).

Kontrovers könnte sich auch Oles Entwicklung in seinem Job als Praktikant entwickeln (ein wiederum nicht besonders großstädtisch wirkender Kalender-Verlag). Doch Ole legt dort keinen großen Ehrgeiz an den Tag und nimmt die Kündigung ohne große Regung zur Kenntnis.

Für einen zentralen Antagonismus bleibt damit eigentlich schon nur noch die Liebesbeziehung übrig. Doch auch da wird man nicht recht fündig. Denn wo eigentlich genau das Problem zwischen Ole und der unentschlossenen FRITZI (Jytte-Merle Böhrnsen) liegen mag, wird nicht wirklich deutlich. Fritzi versucht, Ole sehr früh zu vernaschen (was ihm das Großstadtleben erotisch gesehen recht einfach macht), ohne sich für ihn zu entscheiden. Warum sie dann aber gleich bereit ist, zum Begräbnis seines Großvaters mit aufs Dorf zu fahren, erschließt sich nicht – allenfalls durch ihre enge Bindung zu Rokko, der allerdings dort auch nur eine Randfigur bleibt. Dass sie sich zwischendurch auch mit anderen Männern herumtreibt, dafür mag sie ihre innere emotionale Logik haben – aber für die Entwicklung, Reifung, konflikthafte Schärfung der Beziehung zwischen Ole und Fritzi trägt diese Ebene der Eifersucht kaum bei.

Die dramaturgisch gerade bei konventionellen Erzählformen so wichtige Trennung zwischen „Want“ (dem äußeren Ziel) und „Need“ (dem inneren Reifungspotenzial) fällt hier sehr bescheiden aus. Indem hier eigentlich niemand so richtig etwas will, bleibt am Ende auch die Frage, wer sich hier wie entwickelt hat oder innerlich gereift ist, recht unerheblich.

„Grossstadtklein“ macht es also dem Zuschauer schwer, innerlich auf eine zentrale Fragestellung einzusteigen. Die klare, trennscharfe Definition, welche Absicht der Film eigentlich transportiert, erschließt sich kaum. Etiketten wie „charmant“, „sympathisch“, „optimistisch“ reichen in der Regel nicht aus, um den Marktauftritt eines Films zu rechtfertigen.

Insofern verfügt „Grossstadtklein“ über schwache Argumente für eine erfolgreiche Kinokarriere. Selbst wenn sehr prominente Produzenten der Performance ihren Segen geben: die Erwartungen liegen doch am untersten Bereich dessen, was man für romantische Kinokomödien ansetzen kann. Streng genommen wurde hier – aus welchen Gründen auch immer – ein unterentwickeltes Drehbuch verfilmt. Was dem (deutschen) Film nicht weiter hilft.


München, 22.8.2013


Roland Zag

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