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Filmbesprechung

Grüße aus Fukushima

Buch und Regie: Doris Dörrie

Der Name 'Fukushima' ruft einen der markantesten Wendepunkte in der globalen Geschichte der letzten Jahre wach. Die Aufmerksamkeit wird durch den Titel zunächst auf äußerliche, politisch hoch relevante Aspekte gerichtet. Paradoxer Weise stellt sich der Film von Doris Dörrie ganz gegenteilig dar: die Konflikte, die hier behandelt werden, liegen weitgehend IN den Figuren. Dieser Widerspruch könnte dem Film zum Vorwurf gemacht werden: die politische Dimension fällt zumindest vordergründig eher weg. Andererseits liegt in der Nonchalance, wie hier Erwartungen gegen den Strich gebürstet werden, auch das Alleinstellungsmerkmal und die Originalität dieses Films.

"Grüße aus Fukushima" ist in vieler Hinsicht unorthodox. So beginnt etwa der zweite Akt nicht etwa mit der Etablierung eines Konflikts - sondern mit dem genauen Gegenteil. MARIE (Rosalie Thomass) hat sich entschlossen, der Japanerin SATOMI (Kaori Momoi) zu helfen, ihr zerstörtes Haus wieder herzurichten. Dies wirkt zunächst harmonisch und äußerlich gesehen ausgesprochen undramatisch. Die Konflikte liegen eben ganz im Innern der Figuren. Dabei entsteht allerdings ein problematisches Ungleichgewicht: Satomi wird von sehr realen und bedrückenden Erinnerungen und Schuldgefühlen heimgesucht. Denn sie hat ihre einzige Schülerin in den Fluten des Tsunami verloren. Die Relevanz dieses Verlusts überträgt sich emotional sofort, zumal der 'Geist' der Verstorbenen sogar leibhaftig auftaucht. Ganz anders verhält es sich mit den Altlasten, die Marie mit sich herum schleppt: sie wirken im Gegensatz dazu leichtgewichtig, luxuriös und nicht sehr gravierend - weshalb sich ins Geben und Nehmen der beiden Frauen ein geheimes Ungleichgewicht einzuschleichen droht. Satomis Last ist ungleich schwerer als die von Marie.

Erschwerend kommt hinzu, dass nie klar wird, ob der Tod der Schülerin ein reiner Unfall oder nicht Satomi absichtlich nachgeholfen hat (aber warum sollte sie das tun?! Das wird nie klar).

Dennoch entsteht auf der Ebene des 'human factor' zwischen Marie und Satomi ein ausgesprochen reicher Austausch. Marie lernt von der Japanerin die Kunst der Achtsamkeit und das Leben im Moment. Zugleich aber wäre Satomi ohne Marie verloren - was die etwas melodramatische Szene beweist, in der die Deutsche ihre Mentorin vor dem Selbstmord rettet. Die endgültige 'Verabschiedung' des Geistes geht ebenfalls auf das Konto von Marie. Erst jetzt nimmt Satomi die Deutsche an ihrer Seite als vollwertige Partnerin an. Durch diese intensive, mitunter auch zärtliche und komische Ebene der Gegenseitigkeit entsteht ein starkes empathisches Miteinander. Das allmähliche, und dann auch durchaus konfliktreiche Mit-und Gegeneinander der beiden Frauen bildet sicherlich das emotionale Herzstück des Films und wirkt im Sinne des Geben und Nehmen vollkommen schlüssig.

Folgerichtig begeben sich die beiden nach Satomis 'Rettung' zu zweit ins moderne Japan, wo die Geister der Vergangenheit gebannt scheinen bzw. von ganz anderer  Energie durchpulst. Freilich bleibt auch hier die Mutter-Tochter-Beziehung ein wenig rätselhaft. Der Moment, in dem Marie loslassen und sich wieder in Richtung Heimat begeben kann, entsteht erst, als sie spürt, dass Satomi wieder eine Aufgabe, einen Sinn in ihrem Leben gefunden hat: nämlich die Ausbildung einer weiteren Geisha. Das wiederum wirkt emotional berührend.

"Grüße aus Fukushima" dreht sich also mit großer Geschlossenheit um das Thema 'Umgang mit der Vergangenheit'. Zwei Frauen ringen darum, ganz im Hier und Jetzt, ganz in der Gegenwart anzukommen - was angesichts der Altlasten eine gewaltige Herausforderung darstellt. Diese Themenstellung ist universell, und sie wird sehr vielfältig bespielt. Insofern hat der Film das Potenzial, große Wirkungen zu hinterlassen. Und wenn man will, kann man in dieser sehr globalen Auseinandersetzung mit den Prinzipien des Festhaltens und Loslassens auch einen politischen Aspekt sehen.

Andererseits bildet die radikale Beschränkung auf das private Drama auch ein Hindernis. Man muss sich  schon auf die leisen Töne des Films einlassen können. Es wird Menschen geben, die auf diesen sehr privaten Blick nicht allzu viel Lust haben. Insofern hat "Grüße aus Fukushima" am Kinomarkt nur eingeschränkte Chancen. Als origineller und unorthodexer Arthouse-Film einer berühmten Regisseurin wird der Film mit Sicherheit Aufmerksamkeit erregen. Aber das ganz große Interesse, das Doris Dörrie zuletzt mit "Kirschblüten" erregen konnte, wird sich vielleicht doch nicht im gleichen Maß einstellen.

München, 9.März 2016

Roland Zag


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