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Filmbesprechung

GUT ZU VÖGELN

Buch: Mira Thiel, Judith Bonensky, Friederich Oetker; Regie: Mira Thiel

Der Film wendet sich an ein  klar umrissenes Zielpublikum zwischen 18 und 29 Jahren (vornehmlich weiblich). Diesem Publikum wird einiges geboten: eine recht gut getimte Gag-Dichte; viel krass übersteigerte Situationskomik und Charaktere, mit denen Identifikation möglich ist. Hinzu kommt der  Gemeinschaftsfaktor, der die Vorgänge in der hier geschilderten WG mit viel Wärme auflädt.

Doch eigentlich sollte es möglich sein, Filme über diese sehr begrenzte Zuschauerschicht hinaus attraktiv zu gestalten. Ein gelungenes Beispiel dafür war "Fack ju Göhte", der zwar ein bestimmtes Publikum angezielt und auch erreicht hat, aber darüber hinaus noch weit mehr Menschen aus anderen Schichten anzulocken vermochte.

Aus "Fack ju Göhte" kann man lernen, wie wichtig die klaren, unmissverständlichen Ziele und Absichten der Hauptfiguren sind und wie zentral also das alles bestimmende 'Want' den Sog des Films definiert.

Was im Falle von Bora Dagtekins Mega-Erfolg so stark wirksam war, fällt in "Gut zu Vögeln" eher flach. Denn die eine glasklare Absicht, das alles bestimmende Ziel ist schwer zu erkennen. Natürlich will MERLIN (Anja Knauer) in eine WG einziehen, in der JACOB (Max von Thun) zunächst nichts von ihr wissen will. Doch dieser Widerstand ist bald gebrochen. Als nächstes, und sehr viel versprechendes Ziel bietet sich Merlins Absicht an, das Trio nach Mallorca zu begleiten. Darin hätte viel Konfliktpotenzial gelegen, welches aber nicht weiter verfolgt wird. Hoch spannend die Prämisse, dass Merlin gegenüber den türkischen Eltern des Mitbewohners NURI (Sami Challah) so tut, als wäre sie seine Braut. Auch das wird sofort wieder fallen gelassen. Auch der unangekündigte Besuch der eifersüchtigen CLARA (Katharina Schlothauer) auf Mallorca birgt viel Komödien-Potenzial.Doch auch dieses wird vernachlässigt zugunsten einer allerdings komischen Niederkunft auf der Tanzfläche eines Clubs.

Dass Merlin eigentlich einem Job nachgeht, ist nur ganz sporadisch zu erkennen. Dass sie in diesem Job sogar eine exklusive Verpflichtung hat, nämlich ein Interview mit ihrem Ex-Mann zu führen, geht fast unter. Und Jacob scheint überhaupt nur in den Tag hinein zu leben.

Die Einbuße an dramaturgischem Zug und Plot-Spannung ist erheblich. "Gut zu Vögeln" wandert eher gemächlich von Gag zu Gag; ein Manko, das  im Falle von "Fack ju Götte" und anderen Erfolgskomödien gut umgangen wird  - denn dort sind die Zielsetzungen der Figuren äußerst klar. Sobald Absichten spürbar werden, kann man sich auch in einem Popcorn-Film komplexere Charaktere leisten. Das ist in "Gut zu Vögeln" kaum der Fall. Gerade weil sich die Handlung eigentlich eher beschaulich entfaltet, müssen die  die Figuren so leicht verständlich wie möglich (also recht eindimensional) gezeichnet werden. Und obwohl es sehr viele Szenen zwischen Merlin und Jacob gibt, wird das Austauschmedium, also die Frage nach dem gemeinsamen Wertesystem, nie beantwortet. Die Liebe wirkt ein Stück weit behauptet.

Insofern stellt sich "Gut zu Vögeln" eher als Kompendium der ausgelassenen Chancen und Möglichkeiten dar. Zwar wird der Film auch so dem Zielpublikum geben, was es will. Aber dieses Publikum ist  wählerisch und kann  unter vielen attraktiven Alternativen wählen. Insofern wäre ein Ausstrahlen über die Kernzielgruppe hinaus wünschenswert gewesen. Dieser grenzüberschreitende Erfolg dürfte sich aber wohl kaum einstellen, weshalb ein Erfolg auch nur entfernt im "Fack ju Göhte"-Stil ganz unerreichbar scheint.

München 25.1.2016

Roland Zag

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