aktuelle

Filmbesprechung

Haialarm am Müggelsee

Buch und Regie: Sven Regener, Leander Haussmann

Im Falle eines Films, der so offensichtlich nicht ernst gemeint ist, mag es humorlos wirken, wenn er trotzdem ernst betrachtet wird. “Haialarm am Müggelsee” ist unübersehbar eine Blödelei, ein anarchisch-durchgeknallte, sinnfreie Spielerei mit dem Unerwarteten und dadurch Absurden.

Dennoch darf man sich aus dramaturgischer Sicht die Frage stellen, WARUM es eigentlich hier durchgehend gelingt, Erwartungen aufzubauen, die dann zuverlässig gebrochen werden. Denn um Erwartungen zu erzeugen, braucht es doch logische Ursache-Wirkungs-Mechanismen. Und wenn man genau hinschaut, liegen diese hier auch vor. Sogar in einer recht methodischen, theoretisch durchstrukturierten Klarheit, die bei einem solch scheinbar spontanen Unterfangen überrascht.

Der Film stellt eine per se absurde Ereigniskette in den Mittelpunkt, die aber in ihrer Konsequenz vollkommen ernst genommen wird. Wenn man die Prämisse schluckt, dass im Müggelsee ein Hai schwimmen könnte, dann gibt es tatsächlich drei mögliche Arten, um mit dem Ereignis umzugehen: das Kaschieren; das Ignorieren; und das Aufbauschen mit der Hoffnung, dass sich das Problem dann irgendwie löst.

Und genau dieser Logik folgt die Story des Films. Zunächst soll so so getan werden, als gäbe es keinen Hai – aber das Baden bleibt aus nebulösen Gründen verboten. Als diese Strategie scheitert, wird versucht, das Baden freizugeben, doch die Situation wird unhaltbar, als SNAKE MÜLLER (Uwe Dag Berlin) aus Hawaii eintrifft und sich entschließt, Jagd auf das Tier zu machen. Jetzt tritt die dritte und sozial relevanteste (auch komischste) Phase in Kraft. Der Haialarm wird öffentlich gemacht und zu einem großen Spektakel ausgeweitet – was wiederum einer völlig logischen Entwicklung folgt und in einer Eskalation endet, die dem Film den Abschluss garantiert.

Aus dieser logischen Folge, die ausführlich reflektiert wird (Stichwort: “Städtemarketing”), dreht die Dramaturgie ihre Pirouetten. Indem der Lauf der Dinge eigentlich völlig stimmig entwickelt wird, lässt sich aus dieser Stringenz beständig das exakte Gegenteil ableiten – und darin liegt dann der Reiz des Komischen (wobei über die Frage, ob die Komik des Films nun umwerfend oder nur bemüht ist, hier nicht gestritten werden soll). Und da die soziale Relevanz des Geschehens sich ständig steigert, darf man auch von so etwas wie einer Art Spannungsaufbau sprechen.

All das bezieht sich aber eben doch immer nur die Sachebene, also die intellektuell-rationale Schicht des Erlebens. Hingegen bleibt die emotionale Schicht, also die Beziehungsebene, annähernd unberührt. Die meisten Figuren wandern ohne Bindung und Vernetzung durch den Film, der dadurch emotional gesehen eher leer bleibt. Und dadurch entsteht doch ein entscheidendes Manko. Wenn man davon absieht, dass Frau BAUM (Anna-Maria Hirsch) mit Snake Müller eine Beziehung eingeht, was dessen Exfrau (Annika Kuhl) nicht passt, geschieht auf der Beziehungsebene eigentlich fast nichts.

Für den Markterfolg bedeutet dies: “Haialarm am Müggelsee” ist ein Film, der methodischer und strukturierter gebaut ist, als man das auf den ersten Blick vermuten würde. Dies garantiert eine Grundspannung, die sich im Prinzip immer mehr steigert und die 102 Minuten durchaus trägt. Indem der Humor aber auf einer Ebene sich bewegt, die die Beziehungsebene fast komplett negiert, ist das Erleben am Ende des Films wohl doch nur sehr eingeschränkt nachhaltig. Das bedeutet, dass der Film am Markt sicherlich eine Rolle spielen wird (nicht zuletzt durch die vielen Stars, die erkennbar große Freude haben) – sich aber das Ergebnis doch in engeren Grenzen halten dürfte. Der Überraschungserfolg mit Undergroud-Kult-Charakter, der durchaus möglich schien, wird am Ende doch wohl eher ausbleiben.

München, 21.3.2013 Roland Zag

Bildunterschrift