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Filmbesprechung

Halt auf freier Strecke

Stoffentwicklung: Cooky Ziesche, Andreas Dresen
Regie: Andreas Dresen


Den dramaturgisch einzigen „Plot Point“ liefert der Film in der allerersten Szene.  FRANK (Milan Peschel) ist unheilbar krank. Ihm bleiben nur wenige Monate zu leben. Diesem lapidaren Befund bleibt der Film treu. Es gibt nichts zu beschöngen, zu heilen, zu lösen. Dramaturgisch gesehen, könnte man beinahe sagen: Franks „Ziel“ ist der Tod, sein inneres Bedürfnis aber, sein „Need“ (und das seiner Angehörigen) ist die Anerkennung dieser Tatsache. Man muss sich damit abfinden, damit leben, umgehen lernen. Mehr Wendepunkte, Überraschungen oder dramaturgische Wendungen liefert der Film nicht.

„Halt auf freier Strecke“ konfrontiert sein Publikum also auf ungewohnt schmucklose, ja fast dokumentarische Art und Weise mit den Umständen, die die letzten Monate eines an Hirntumor Erkrankten begleiten: Ausfallserscheinungen, Wahnvorstellungen, Schmerzen, Nachlassen der Kräfte. Trostspendende Auseinandersetzungen mit Seelsorgern, Pflegern, Ärzten. Vor allem aber mit den innerfamiliären Problemen, Zerreissproben, aber auch berührenden Augenblicken von Nähe. Mehr nicht.

Indem der Film praktisch kein Storytelling betreibt, sondern sich auf einige Schlaglichter fokussiert, nimmt er sich seines Thema sehr frontal an. Es geht um endgültige Fragen, vor deren Wucht die Kunstfertigkeit des Filmemaches zu schweigen hat. Diese Konsequenz dürfte erheblich zur Überzeugungskraft der Arbeit beitragen.

Was bleibt, ist der ‚human factor’. „Halt auf freier Strecke“ erzählt sehr streng entlang der zwischenmenschlichen Bindungen, die sich wandeln, aber deren Loyalität nicht in Frage steht. Ehefrau SIMONE (Steffie Kühnert) und die beiden Kinder halten zu ihrem Mann bzw. Vater, auch wenn es immer schwerer fällt. Besonderes Gewicht legt der Film auf das Dilemma der Tochter, die als Pubertierende so gern ihr eigenes Leben führen möchte und doch laufend durch das Leiden des Vaters daran gehindert wird.

Indem diese Bindungen überdauern und gerade die letzte Szene unerbittlich darauf hinweist, dass das Leben weiter gehen will und muss, wird die antagonistischen Kraft zwischen „Sterben“ und „Weiterleben“ elementar bespielt. So gesehen ist der Film durchaus „dramatisch“, indem eine glasklare Trennung gegensätzlicher Prinzipien spürbar wird. Undramatisch ist lediglich die Tatsache, dass der Protagonist keine Wahl hat. Aber alle Beteiligten können lernen, damit umzugehen. Insofern nähert sich der Schluss dann doch einer sehr verkappten Form von „Happy End“: Franks Tod ist friedlich und ruhig.

„Halt auf freier Strecke“ widmet sich also einem sehr relevanten Thema, das gleichwohl alles andere als „Wohlfühl“-Kino bietet. Viele Zuschauer werden sich durch das Thema abgeschreckt fühlen. Dennoch liefert der Film als Ganzes nicht nur das Horrorszenario des Sterbens. Er beharrt auch auf der humanen Kraft einer Familie, die zusammen hält und den Tod zu einer ruhigen Sache werden lassen kann. Diese Loyalität wird nicht groß thematisiert und auch nicht rührselig untermauert – sie ist einfach da. Für die starke Wirkung des Ganzen dürfte das genügen.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Das wesentliche Merkmal für die Außenwirkung auf mögliche Zuschauer ist das Thema. Jeder muss in erster Linie entscheiden, ob er sich in diesem realistischen Maße auf die verschiedenen Stadien eines Gehirntumors auf den Erkrankten und sein Umfeld einlassen will. Das Erlebnis verspricht intensiv, bewegend, erschütternd, authentisch und schmerzvoll zu werden. Dieser Entscheidungsprozess wird nicht bei allen Dresen-Fans und Zuschauern seiner bisherigen Kino-Filme positiv ausgehen. Insofern erscheinen mittlere bis hohe sechsstellige Bereiche wie bei den Publikumswirksamen Vorgängerfilmen „Sommer vorm Balkon“ (2006, 968.000), „Wolke 9“ (2008, 480.000) oder „Halbe Treppe“ (2002, 447.000) unrealistisch. Verstärkende Effekte werden dadurch möglich, dass die Darstellung von Milan Peschel als unbedingt sehenswert angenommen und der Film insgesamt von Besuchern wie Kritikern empfohlen wird. Die Weiterempfehlungsrate wird also hoch und die Laufzeit möglicherweise lang sein, da der Film auch gezielt ein älteres Publikum anspricht. Werte wie die von „Whisky mit Wodka“ (2009, 180.000) sollten somit die Untergrenze bilden. Erreichen kann „Halt auf freier Strecke“ unserem Eindruck nach schlussendlich etwa 250.000 bis 300.000 Kinozuschauer. Das entspricht den Zahlen eines ungefähr ähnlicher gelagerten Films wie „Schmetterling und Taucherglocke“ von 2008.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin, 19. November 2011

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