aktuelle

Filmbesprechung

Hannah Arendt

Buch: Pam Katz, Margarethe v.Trotta
Regie: Margarethe v.Trotta


Der Ansatz der Films ist betont undramatisch: auf alle Versuche, Geschehnisse zu intensivieren, beschleunigen, in ihrer Dramatik anzuheizen, wurde verzichtet. Auch  Simplifizierungen, um die mitunter doch anspruchsvollen Denkprozesse “bekömmlicher” zu gestalten, findet man nicht. Der Duktus ist ruhig, fast dokumentarisch. Damit wird er dem Sujet gerecht, bei dem es in erster Linie um Fragen des Denkens, der intellektuellen Moral und Aufrichtigkeit geht. Äußere Spannung, gar Action sucht man in diesem Film vergebens.

Entsprechend kommt man mit den Kriterien der klassischen Dramaturgie nicht näher an die innere Struktur des Dramas heran. Denn genau genommen gibt es nur EINEN Höhe- und Wendepunkt – - und dieser liegt sehr spät: nämlich am Ende des zweiten Akts. Erst als Hannah (Barbara Sukowa) ihre Artikelserie für den “New Yorker” geschrieben hat und damit einen unerwarteten Sturm der Entrüstung entfesselt, wird die Situation dramatisch: die Autorin wird für ihre Standpunkte gebrandmarkt, verfolgt, diffamiert. Man fürchtet sogar um ihr Leben. Die besten Freunde fallen von ihr ab – und dennoch bleibt sie bei ihrer Haltung. Das dramatische Dilemma ist groß – aber nur an diesem einen Punkt des Films.

Auf diesen Moment läuft der Film sehr ruhig und unaufgeregt zu. Jedoch nicht ohne innere Spannung: das Leben der intellektuellen Emigrantin in den USA wird differenziert und sozial stark vernetzt gezeigt. Die Bindung an Israel und ihren Freund KURT (Michael Degen) – die am Ende leider zerbrechen wird – kommt deutlich zum Ausdruck. Die stark differierenden Haltungen der intellektuellen Kreise zum Thema „Israel und die Nazis“ der damaligen Zeit vermitteln sich gut.

Und natürlich bilden die dokumentarischen Szenen, in denen man Eichmann im Prozess erlebt, einen inneren Höhepunkt: unspektakulär, aber eindringlich. Die zentralen Aspekte, die für Hannahs Werk wichtig werden, werden sehr deutlich: Eichmann ist ein Mensch, der zwar gut organisieren, aber nicht selbständig denken kann bzw. will (zumindest verkauft er sich so…). Das “Böse” in ihm besteht, laut Hannah, nicht darin, dass er “böse” Gedanken hegt. Eichmann gibt sich in seinem Erscheinen weder voller Hass noch voll Brutalität. Er delegiert vielmehr das Denken und moralische Urteilen an andere. DARIN, so Hannas Kernaussage, liegt das spezifisch Böse im politischen Handeln: in der Verweigerung des eigenen Standpunkts, der eigenen Haltung zur Welt. Diese Aussage hat ihre Aktualität und dürfte auch ein heutiges Publikum stark ansprechen.

Vor diesem Hintergrund haben auch die zunächst wie Fremdkörper wirkenden Rückblenden auf die Begegnungen mit HEIDEGGER (Klaus Pohl) ihren Sinn. Denn Heidegger verneint jeden Bezug zwischen dem Denken und der sozialen Wirklichkeit. Darin wird er von Arendt am Ende ihres Lebens, wenn man so will, widerlegt: genau in dieser Entkoppelung des Denkens von der sozialen Realität unseres Daseins liegt auch Heideggers Schuld (die er nicht eingestehen will).

Nun kreist aber die innere Problematik, die der Film beschreibt, um ZWEI Kerne, die wenig miteinander zu tun haben. Denn der eigentliche Vorwurf, den man Hannah macht, besteht gar nicht in ihrer Analyse des Bösen. Ihr Affront liegt darin, dass sie eine Mitschuld der jüdischen Seite am Holocaust postuliert: hätten die “Judenräte” zur NS-Zeit nicht so gut mit Eichmann kooperiert, behauptet sie, wäre die Zahl der Opfer niedriger ausgefallen.

Damit bricht sie das Tabu, dem Opfer eine Rolle zu geben – und greift, jedenfalls in der Lesart ihrer Gegner, das gesamte jüdische Volk an. Hier liegt der eigentlich Kernpunkt: trifft ein Vorwurf, der eigentlich an ein paar konkrete Menschen gerichtet ist, gleich ein ganzes Volk mit? Sind ALLE Juden gleich welcher Herkunft und Gesinnung nach dem Holocaust fortan von ALLEN Vorwürfen für alle Zeit befreit? Gibt es eine Art kollektive Amnestie, die den gesamten Staat Israel für immer für unschuldig erklärt? Diese Fragestellung ist für die dramatische Struktur des Films sicher die entscheidende – und auch eine, die ein heutiges Publikum interessiert.

An diesem Punkt aber fehlt es dem Film an einer klaren Positionierung: wie genau erlebt sich Hannah als Teil des jüdischen Volks und Schicksals? Was versteht sie überhaupt unter dem Begriff “Jüdisches Volk”? Es gibt nur einen einzigen Satz, der uns da weiterhilft: “ich glaube nicht an ein Volk. Ich glaube nur an Freunde”. Dieser Satz kommt unvermutet und deutet auf einen großen Komplex von Gedanken, die sich die Autorin zum Thema gemacht hat – von denen wir aber nichts erfahren. Hier liegt sicher eine Leerstelle der Dramaturgie. Denn während Hannahs Gedanken über Eichmann und die Banalität des Bösen sehr ausführlich beschrieben werden, kommt ihre innere Beziehung zum Judentum sehr kurz.

Insofern entsteht am Ende eine Asymmetrie der dramatischen Kräfte: eine der beiden gedanklichen Kernaussagen wird sehr plastisch transportiert. Es ist aber just diejenige, die kaum dramatisches Gewicht hat. Hingegen bleibt man gegenüber dem Thema, mit dem Hannah die jüdische Welt in hellen Aufruhr versetzt, recht dürftig informiert. Und auch die Gegenargumente, mit denen Hannah Arendt sich auseinandersetzen muss, bleiben unterbelichtet – weshalb ihre Position als arg parteiisch und unangefochten erscheint.

Ob dieser Einwand für die gesamte Wirkung des Films von Gewicht sein wird, ist ungewiss. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass “Hannah Arendt” aufgrund der vergleichsweise redlichen, undramatisierten Herangehensweise bei einem intellektuell interessierten Publikum starke Eindrücke hinterlässt. Der Kreis derer, die hier im Kino eine Mischung aus Geschichtsaufarbeitung, Biografie und intellektuellen Grundkurs erwarten, könnte recht groß sein. Und diesem Publikum dürfte der Film überwiegend entsprechen.

Dramaturgische Analyse: Roland Zag

München, 21.1.2013

Bildunterschrift