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Filmbesprechung

Hell

Buch: Tim Fehlbaum, Thomas Wöbke, Oliver Kahl
Regie: Tim Fehlbaum


Die Frage, wie es mit der Welt weiter geht, erscheint durchaus relevant und auch besonders gut geeignet, in Filmen entwickelt zu werden. Mit den ständig zunehmenden technischen und digitalen Möglichkeiten lassen sich im Kino Zukunftsszenarien entwerfen, die so noch nicht realisiert und gesehen werden konnten. Dabei kann der Weg teurer Umgestaltungen der bestehenden Welt beschritten werden, wie ihn zuletzt etwa große Hollywood-Produktionen à la „I am Legend“, „Children of Men“ oder „Rise of the Planet of the Apes“ gewählt haben. Ein Zukunftsdrama wie „Die kommenden Tage“ versuchte zuletzt – relativ erfolglos – etwas Ähnliches mit geringeren Mitteln aus Deutschland heraus. Ansonsten besteht aber seit „Mad Max“ auch die Möglichkeit, die dystopische Welt in die existierende Natur zu verlegen und die Spannung allein aus dem Überlebenskampf der Figuren zu entwickeln.

Das Regiedebüt von Tim Fehlbaum setzt diesen Weg jetzt mit Entschiedenheit fort. HELL setzt konsequent auf die Beziehungsebene seiner Geschichte und die Dynamik des Überlebenskampfes, die für ausreichende sinnliche Erregungen sorgt. Für MARIE (Hannah Herzsprung), PHILIPP (Lars Eidinger) und LEONIE (Lisa Vicari) stellt sich angesichts der Wasser- und Benzinknappheit die Frage, ob sie es noch schaffen, die rettenden Berge mit hoffentlich günstigeren Überlebensbedingungen zu erreichen. In ihren Gefilden ist die Erhitzung durch Global Warming derartig angestiegen, dass ein Menschenwürdiges Leben kaum mehr möglich ist. Zudem lauern zahlreiche tödliche Gefahren durch brutale Banden. Die Benachteiligung der Gruppe ist also nachvollziehbar und stark.

Allerdings erscheinen die Bindungen zwischen den Figuren nicht so stark, wie sie sein könnten, und sorgen somit nicht für ausreichende sozial bedingte Emotionen. Das liegt zum einen an der Entscheidung, keine Familie in den Mittelpunkt zu stellen, sondern eine pragmatische Zweckgemeinschaft. Nur zwischen den beiden Schwestern wird deutlich, dass sie eine grundsätzlich starke Bindung zueinander haben. Aber vor allem auf der Beziehungsebene Marie und Philipp könnte eine spürbar höhere Aufladung liegen; intensiv wirkt diese Beziehung kaum. Deutlich wird das folgerichtig auch im Moment seines Todes, der weder für Marie noch für den Zuschauer so erschütternd wirkt, wie es vorstellbar wäre. Auch die Beziehung zu dem mutigeren TOM (Stipe Erceg) kommt über zwischenmenschliche Andeutungen und notwendige Kooperationen nicht hinaus. Die Empathie liegt in diesem Genrefilm deshalb ganz klar bei den weiblichen Figuren und weniger bis gar nicht bei den Männern.

Erst sehr spät merken wir, dass es sich mit der antagonistischen Kraft genauso verhält. ELISABETH (Angela Winkler) schält sich erst langsam als die Kontrahentin heraus, auf deren Bauernhof längst alle Tiere ausgestorben sind und durch Menschen ersetzt werden. Da es auch an Frauen für die ihr treuen Söhne mangelt, sieht sie in Marie und Leonie geeignete Opfer. Während die Gefahr für die beiden Empathieträgerinnen also noch Mal steigt, gerät die Bewegungsdynamik hier allerdings ins Stocken. Waren die Figuren bisher stetig in Bewegung in Richtung Berge und Wasser, so beruhigt und verlangsamt sich das Tempo des Films beträchtlich.

Der mögliche große Entscheidungskampf zwischen dem Prinzip Restmenschlichkeit und Unmenschlichkeit im Überlebenskampf wirkt ebenfalls kleiner und weniger aufgeladen, als es die Genreerwartung eigentlich erfordert. Mit einem schlichten Messerstich tötet Marie die Widersacherin und entkommt mit Tom und Leonie in Richtung der rettenden Berge. Die Wunschentwicklung wird durch die positive Aussicht und die neue Gemeinschaft natürlich erfüllt, aber dennoch bleibt der Eindruck, dass nicht alle Genremöglichkeiten ausgereizt wurden. Auch maßgebliche Entscheidungs- oder Konfliktsituationen mit hoher emotionaler Qualität fehlen weitgehend; lediglich die Gefangennahme von Leonie und der Streit, der die gescheiterte Befreiungsaktion begleitet, kann als Beispiel angeführt werden.

Dennoch werden zahlen Suspensemomente, überraschende Wendungen und Gefahrensituationen als notwendige sinnliche Erregungen geboten. Die Qualität der Inszenierung und Umsetzung ist dabei überdurchschnittlich hoch. Konsistente Licht- und Kameragestaltung setzen die zerstörte Natur – vor allem ein beeindruckend passendes Waldbrandgebiet auf Korsika – als wichtigen Wirkungsfaktor in Szene.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass viel Mühe darauf verwendet wurde, die wirksame Grundthematik des Überlebenskampfes intensiv zu inszenieren. Die wichtigen Elemente des Genres werden dabei alle bedient, allerdings nicht in der Intensität, die möglich gewesen wäre. Das gilt auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen, die innerhalb und außerhalb der zentralen Beziehung zwischen den Schwestern intensiver sein könnte.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Deutsche Genreversuche leiden unter einem Malus. Selbst bei ähnlichen Qualitäten werden sie vom Publikum weniger beachtet als vergleichbare amerikanische Produktionen. Erfolgreiche Ausnahmen wie „Anatomie“ (2000; 2.016.000 Mio. Kinozuschauer) oder „Das Experiment“ (2001; 1.614.000) bestätigen nur die Regel und liegen auch schon wieder ein Jahrzehnt zurück. Zuletzt traf es – unterschiedliche gelungene – Anstrengungen wie „Wir sind die Nacht“ (106.000) oder „Die kommenden Tage“ (57.000). Auch der international ähnlich gelagerte „The Road“ erreichte im vergangenen Jahr nur 43.000 Zuschauer. Insofern stellt sich die Frage, ob von der Besetzung mögliche Zusatzeffekte ausgehen. Hannah Herzsprung spielt hier ihre erste wirklich markante Hauptrolle seit „Vier Minuten“ (2007; 485.000) und ist insofern ebenso wie Lars Eidinger seit „Alle Anderen“ (2009; 192.000) und Stipe Erceg seit „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004; 872.000) nicht allein durch ihren eigenen Starfaktor, aber in der richtigen Kombination für sechsstellige Besucherzahlen gut. Allerdings muss einschränkend festgestellt werden, dass ihre bisherigen Zuschauer kaum typisches Genrepublikum darstellen. Deshalb werden hier die Karten neu gemischt. Wir erwarten, dass auch „Hell“ keinen Ausreißer aus dem deutschen Genremalus darstellt, sondern vielmehr niedrige sechsstellige Zahlen erreichen wird und zwischen 120.000 und 160.000 schaffen kann.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin, 25.09.2011

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