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Filmbesprechung

Hochzeitspolka

Buch: Ingo Haeb, Przemyslaw Nowakowski, Lar Jessen Regie: Lars Jessen

Auf eine wichtige, ihn betreffende Frage antwortet FRIEDER (Christian Ulmen), die Hauptfigur in “Hochzeitspolka”, mit einem klaren JEIN. Der Film nimmt das auf. “Hochzeitspolka” ist gleichsam die Ausformulierung und Durchdeklinierung des “Jein” auf zwischenmenschlicher Ebene. Welches Verhalten auch immer aufscheint – es kommt immer auch das Gegenteil und relativiert wieder alles.

Da ist z.B. Frieders durchaus ernst zu nehmender Respekt vor seiner neuen Wahlheimat Polen. Er versucht redlich, sich in dieser Kultur, aus der auch seine zukünftige Frau GOSIA (Katarzyna Marciag) stammt, respektvoll einzuleben. Aber gleichzeitig verrät er die Polen. Denn er verschweigt, dass die Firma, die er leitet, in die Ukraine verlegt werden soll. Man hat also eine durchaus Sympathie weckende Figur vor sich, die gleichzeitig zu einer massiven Illoyalität fähig ist. Dieses Prinzip der Uneindeutigkeit gilt mehr oder weniger für alles: die Jungs, die Frieder und seine Braut besuchen, benehmen sich zwischenzeitlich ganz anständig oder versuchen es. Dann aber kommen die schweren, politisch unkorrekten Gemeinheiten – nur um wieder durch guten Willen relativiert zu werden – usw.

Höhepunkt dieses Reigens von deutsch-polnischen Mißverständnissen ist der Moment, wo JONAS (Fabian Hinrichs) und seine Freunde aus einem Impuls der Wiedergutmachung am Grab von Gosias Mutter beten. Dieses Gebet wird ihnen von den Einheimischen hinterhältiger Weise als schwarze Messe (!) ausgelegt, was wieder zu Verfolgungen führt, aber auch zu kleinlauten Geständnissen und Versöhnungsakten der Polen – usw. Stets wird der wohlmeinende Impuls der gegenseitigen Verständigung und Wertschätzung früher oder später einem gemeinen Akt der Fiesheit geopfert. Und obwohl der fortwährend spürbare Gemeinschaftsfaktor (die Hochzeitsfeierlichkeiten sind virtuos inszeniert) das Geschehen bei Laune hält, schlägt doch beständig das Bittere des gegenseitigen Ressentiments durch.

Man kann – egal wie sehr man die Witzchen des Films persönlich mag oder nicht – schwerlich leugnen, dass das Prinzip “Jein” in dem Film konsequent durchgehalten wird und zu erstaunlichen Steigerungen führt. Kaum eine der Figuren ist wirklich liebenswert, doch der Screwball-Effekt der Mißverständnisse verfehlt seine Wirkung nicht.

Dennoch wird aus Zuschauersicht der an und für sich unterhaltsame und erfolgsversprechende Culture Clash durch die beständige Ambivalenz  torpediert. “Hochzeitspolka” ist kein Feelgood-Movie, eher das Gegenteil. Die Peinlichkeiten, die sich hier hoch schaukeln, tragen etwas Bitteres und zunehmend Destruktives in sich. Daher bietet der Film eigentlich das Gegenteil von Arbeiten wie “Maria, ihm schmeckts nicht” oder “Willkommen bei den Sch’tis”. Die Gräben zwischen Deutschen und Polen vertiefen sich zunehmend. Die Ehe platzt.  Frieder geht zurück nach Deutschland. Von Verständigung und gegenseitigem Respekt bleibt nicht viel übrig. Zu neuen Verbindungen ist es nicht gekommen.

Dasjenige Element, das den Zuschauern vermutlich untergründig am meisten zu schaffen machen dürfte, ist letztlich doch die Herrenmentalität, die allem zugrunde liegt. Sie wird nicht nur im Film thematisiert, sondern auch erzählerisch umgesetzt. Denn für das Schicksal der von der Entlassung bedrohten Polen interessiert sich das Drehbuch am Ende nicht mehr – genau wie Frieder und alle anderen. Letztlich wird in diesem Film dramaturgisch auch “in Polen einmarschiert”. Als nichts mehr zu holen ist, verschwinden die Deutschen – einschließlich der Hauptfigur – und hinterlassen verbrannte Erde. Sollen die Polen schauen, wo sie bleiben. Damit entpuppt sich das vermeintlich harmlose Unterfangen doch als unangenehmer Akt des Revanchismus. Diese Bitterkeit in der Gesamthaltung dürfte dem Film auch bei denen, die sich von den fortwährenden Peinlichkeit erheitert fühlen, wie eine Gräte im Hals stecken bleiben. Gut möglich, dass sich das im Markterfolg niederschlagen wird.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Die jüngsten Filme von Lars Jessen (z.B. Dorfpunks) haben allesamt weniger als 100.000 Zuschauer erreicht. Mit einem Hauptdarsteller wie Christian Ulmen sollte nun definitiv von außen betrachtet mehr drin sein. Er hat unter anderem zum Erfolg von „Männerherzen“ beigetragen (mehr als 2 Mio. Besucher) und sich seit „Herr Lehmann“ eine relativ große Fangemeinde erobert. Aber das Bedürfnis vieler Publikumsschichten, „Hochzeitspolka“ zu sehen, darf dennoch nicht allzu hoch eingeschätzt werden. Das liegt neben dem schwachen human factor auch daran, dass viele Zuschauer von US-Erfolgsprodutionen wie „Hangover“ vergleichbare deutsche Filme eher skeptisch sehen. Und anders als Süditalien (wie bei “Maria ihm schmeckts nicht”) sind die optischen Reize der polnischen Tiefebene beschränkt.

Zudem ist davon auszugehen, dass das entscheidende weibliche Publikum der unangenehmen Story erneut die benötigte Unterstützung versagt und der neue Film von Lars Jessen trotz seines nationalen Stars nur zwischen 50.000 und 75.000 erreicht. Die Tendenz geht eher noch darunter als darüber.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Hamburg/München 01.10.2010

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