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Filmbesprechung

Hotel Lux

Buch und Regie: Leander Haussmann

Der Film behandelt einen Gründungsmythos der (Ost)-Deutschen Geschichte. Im Hotel Lux wurden im Moskau des zweiten Weltkriegs deutsche Kader-Kommunisten geschult, die dann unter Führung von Walter Ulbricht  später die DDR ins Leben riefen. Diese zumindest in Westdeutschland nicht allzu bekannte Geschichte zu erzählen, ist auf jeden Fall lohnend. Allein die Aussicht, durch den Film eine Art unterhaltsame Form von Nachhilfestunde in Geschichte zu erhalten, dürfte ein großes bildungsbürgerliches Publikum anlocken, vermutlich in den neuen Bundesländern noch weit mehr als im Westen.

Doch “Hotel Lux” ist alles andere als biederes Historienkino. Im Gegenteil. Der Film versucht, im Stil von Ernst Lubitsch oder Billy Wilder eine abgrundtief tragische Geschichte komisch zu erzählen. Das erfordert dramaturgisch, aber vor allem in der Ausbalancierung der emotionalen Faktoren großes Geschick, sichert dem Film aber auch ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Seit “Schtonk”  wurde in Deutschland nicht mehr versucht, so tragikomisch ambivalent und schillernd zu erzählen. Immerhin soll man auch dann noch lachen können, wenn in Zeisigs Umgebung Schuldige und Unschuldige einem wahnsinnigen Terror-Regime zum Opfer fallen.

Der Clou des Drehbuchs besteht in einer harmlosen Verwechslung. HANS ZEISIG (Bully Herbig) wird bei seiner Ankunft im Hotel Lux von Stalins Entourage für Hitlers Leib-Astrologen gehalten, der dem paranoiden Machthaber Interna aus dem Führerbunker liefern soll. Der Schmierenkomödiant Zeisig, der sich nicht für Politik interessiert, läuft trotz absoluter Unkenntnis zur Hochform auf und meistert auch die lebensgefährlichen Treffen mit STALIN (Valery Grishko) bravourös. Auf dieser Ebene hat der Film eine Menge an rational-logischen Überraschungen zu bieten (vielleicht zu viel – im Wust der Figuren und Verwechslungen kann man sich leicht verheddern). Auch die Fülle der Personen ist enorm und für Nicht-Eingeweihte vielleicht überfordernd. Die Intensität der Bindung zu Stalin könnte allerdings noch stärker sein, um Zeisigs Dilemma zu steigern.

Am wichtigsten sind aber natürlich – gerade wenn ein so abenteuerlicher Drahtseilakt angestrebt wird – die loyalen Bindungen. An irgendetwas muss man sich als Zuschauer festhalten können. Hier hat “Hotel Lux” nur Zeisigs Beziehung zu CORA  (Thekla von Reuthen) anzubieten, mit der ihn eine erotisch getönte Vorgeschichte verbindet. In der Schilderung der heiklen langsamen Annäherung macht der Film nichts wirklich falsch (anders als der entfernt vergleichbare “Mein bester Feind”): Anziehung und Abstoßung folgen einem plausiblen Muster. Trotzdem ist die emotionale Ausbeute am Ende nicht allzu intensiv. Eine echte Liebe will man nicht glauben, eher eine auf Sympathie gründende Zweckgemeinschaft. Zwischen Cora und Zeisig mag es knistern – aber eine echte Bindung ist kaum entstanden.

Die Bindung an Zeisigs kommunistischen Freund HANS (Jürgen Vogel), der irgendwann dazu stößt, bleibt im Rahmen der Loyalität und sorgt für sozialen Zuwachs. Aber auch hier könnte der Anteil der Gegenseitigkeit höher sein. Zeisig wird das Spielerisch-Unverbindliche nie ganz los. Ideelle Bindungen kennt er nie. Eine wirkliche Konfrontation mit dem tödlichen Schrecken findet nicht statt. (Man vergleiche den Film mit “Sein oder Nichtsein”: dort gibt es sehr wohl Momente echten Schreckens und vor allem Empathie für ein ganzes geknechtetes Volk. Für die emotional tiefe Wirkung einer Komödie wäre das aber entscheidend. Mitgefühl für die Opfer Stalins findet man in “Hotel Lux” nicht.)

Insgesamt geht also die dramaturgische Rechnung des Films sicher auf; der emotionale Ertrag am Ende ist dagegen nicht allzu intensiv. Einen Moment echter Betroffenheit findet man nicht – und gerade der wäre für den Erfolg der Komödie und ihres “comic relief”, also der humorvollen Entspannung, so wichtig.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Neben den dramaturgischen Erwägungen und dem zweifellos attraktiven Thema (mit vielen Seitenhieben auf die bekannten Gründungsväter der DDR) hat “Hotel Lux” vor allem ein Pfand in der Hand: den Hauptdarsteller. Bully Herbig war bisher allein durch seinen Namen noch jedes Mal mehrere Millionen Kinozuschauer wert.

Ob sich das in seiner ersten ernsten Rolle wiederholen wird, ist die große Frage. Große Teile seines bisherigen Publikums könnten enttäuscht, irritiert, verstört sein, ihn in einer leichengespickten Tragikomödie wieder zu finden. Für die konkrete Kinoauswertung aber stellt sich die Frage: werden all diese Bully-Fans schon vorher abgeschreckt, oder wagen sie die Auseinandersetzung und lösen ein Ticket? Hier bleibt eine große Grauzone der Ungewissheit.

Neben Bully Herbig hat “Hotel Lux” in Jürgen Vogel noch einen weiteren Star mit allerdings weniger Marktmacht und auch in den Nebenrollen starke Namen anzubieten. Hinzu kommt der starke Production Value mit einem morbiden, wenn auch wenig anheimelnden Moskau, das man so noch nicht kennt.

Der Name des Regisseurs ist am Ende durch “Sonnenallee” und “Herr Lehmann” noch immer positiv besetzt, auch wenn die letzten Filme an Interesse nachließen.

Die Pressereaktionen dürften positiv ausfallen, was in diesem Fall zu einem starken Faktor werden kann, weil so das indifferente, wenig kinoaffine Bildungsbürgertum erreicht werden kann.

Zuletzt bleibt offen, wie sich die Zuschauer im Osten Deutschlands, denen das Thema ja deutlich näher liegt, zu dem gewagten Herangehen stellen werden.

In dieser von Unwägbarkeiten bestimmten Situation sich festzulegen, ist gewagt. Aus unserer Sicht kann man sich eine Million Zuschauer trotz aller positiven Faktoren nicht wirklich vorstellen. Der Film ist interessant, aber nicht wirklich tief gehend und von der Wirkungsintensität etwa eines “Das Leben ist schön” weit entfernt.

Wahrscheinlicher ist aus unserer Sicht, dass “Hotel Lux” im oberen sechsstelligen Bereich liegt, also bei 600.000-800.000 Zuschauern landen könnte.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 26.10.2011

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