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Filmbesprechung

Ich bin dann mal weg

Buch: Christoph Silber, Jane Ainscough, Sandra Nettelbeck (Nach dem gleichnamigen Roman von Hape Kerkeling) Regie: Julia von Heinz

Die Erzählabsicht der Films ist zweifellos nicht dramatisch. Es geht um eine Art verfilmtes Selbstgespräch, eine Meditation über Gott, den kindlichen Wunsch, an Gott zu glauben, und die vielen Zweifel, die im Laufe des Films immer mehr ausgeräumt werden. Wer komplexe erzählerische Zusammenhänge und Steigerungen erwartet, dürfte enttäuscht werden.

HAPE (Devid Striesow) begibt sich nach einem Zusammenbruch recht unvermittelt auf den Camino de Santiago. Ein innerer Zusammenhang zwischen seiner Karriere als TV-Star und dieser Entscheidung besteht kaum; und im Augenblick seiner Ankunft in Südfrankreich scheint die zurückliegende Karriere mit ihren Bindungen und Konflikten komplett vergessen. Diesen harten Sprung muss man als Zuschauer erst mal verkraften.

Doch dann entwickelt sich eine dramaturgisch stringent durchgehaltene Fragestellung nach dem Alleinsein bzw. der möglichen Bindung an andere. Hape verfällt hier über lange Zeit in einen Schlingerkurs, der nicht so recht eindeutig ausfallen mag: einmal sucht er die Nähe zu anderen Pilgern, dann wieder meidet er sie und macht sich über die runtergekommenen Herbergen lustig. Dennoch fokussiert sich der gesamte Erzählfluss samt den häufigen Tagebucheintragungen immer wieder auf die Frage: wie komme ich mit dem Alleinsein zurecht? Oder gibt da noch eine spirituelle Stimme, mit der ich sprechen kann? Insofern passt die unentschiedene, ja fast verwirrte Haltung der Hauptfigur eigentlich ganz gut zum Thema.

Auch Kerkelings gleichnamiger Buch-Bestseller fokussierte sich  an dieser erstaunlich ernsthaften und wenig komödiantischen Fragestellung - und vermochte damals einem Millionenpublikum spirituelle Einsichten schonend zu vermitteln. Der Film folgt dieser sehr verinnerlichten Spur - und lässt die sich ergebenden Möglichkeiten zur Dramatisierung und Intensivierung statt dessen eher beiseite. Der Zuschauer muss sich ein Stück weit selbst auf die Einsamkeit einlassen, in die der Erzähler verfällt.

Dieser Weg in die Einsamkeit und scheinbare Ausweglosigkeit, wo Hapes Versuche, in Kontakt zu kommen - etwa mit der schnippischen Journalistin LENA (Katharina Schuch) oder der tragisch Einsamen STELLA (Martina Gedeck) - scheitern, wird konsequent verfolgt. Er führt zu einer Krise. Die Reise droht zu scheitern. Hape steht kurz vor dem Abbruch. Erst ein wichtiges Gespräch sowie eine Inschrift "Ich und Du" nebst einem rätselhaften kleinen Jungen in einer Geisterstadt führen zu einer Art mystischen Umkehr. Hape weint - was ihm zu Beginn schon prophezeit wurde.

Dieser deutliche Kulminationspunkt wird zum Moment der Wandlung.  Hape findet gleichsam zu 'seinem' Gott, und damit auch wieder zu den Menschen. Was zuvor harzig und konfliktreich schien, läuft nun glatt: die Auseinandersetzung mit den Mitreisenden beginnt erst jetzt. Hier steht ganz klar das Schicksal von Stella im Mittelpunkt, die den Camino aus sehr guten persönlichen Gründen schon wiederholt geht. Dass ihr die Versöhnung mit dem Ehemann am Ende gelingt, krönt den Publikumswunsch mit einem Stück sozialem Zuwachs.

Aus Hapes persönlicher Perspektive wird die Aussage, dass es keinen Tag in seinem Leben gab, an dem er nicht Gottes Gegenwart gespürt hat, durch die Schilderung seiner ersten Erfolge als Jugendlicher dezent untermauert. Er hatte Glück - und weiß, dass er dieses Glück nicht 'verdient', sondern geschenkt bekommen hat. Insofern hilft die Rückblenden-Ebene des Drehbuchs der Erzählabsicht.

"Ich bin dann mal weg" ist ein trotz recht großem Aufwand eher bescheidener und innerlicher Film, der sich an ein älteres Publikum wendet, das mit spirituellen Fragen gut umgehen kann. Man mag sich an Defiziten aufhalten (indem man z.B. nie etwas über die omnipräsente Lena erfährt); aber die Konsequenz, mit der die innere Entwicklung der Hauptfigur durchgezogen wird, ist schwer in Frage zu stellen. Insofern ist der Film durchaus geeignet, dem Zielpublikum, das wohl weitgehend aus den Millionen Lesern des Buches besteht, eine adäquate filmisch-religiöse Erfahrung zu liefern. Die Marktchancen sind also gut.

München, 14.1.2016

Roland Zag

kino.muenchen.de