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Filmbesprechung

Ich und Kaminski

Buch: Thomas Wendrich, Wolfgang Becker (nach dem Roman von Daniel Kehlmann)
Regie: Wolfgang Becker

Ein asiatisches Koan, das im Film eine große Rolle spielt, lautet: “Wenn du Nichts hast – wirf es weg”. Mit dieser paradoxalen und letztlich alles verneinenden Botschaft setzt sich “Ich und Kaminski” intensiv auseinander. Der sehr aufwändig und detailreich gestaltete Film kreist auf verschiedenen Ebenen um die Frage, ob es so etwas wie BEDEUTUNG gibt oder nicht. In der Behandlung dieser Frage ist geht er systematisch und konsequent (nämlich relativierend und letztlich verneinend) vor.

Für die Zuschauer bedeutet das, dass sie sich auf eine Art ‘Hin-und-Zurück’-Dramaturgie einlassen sollten. Es werden viele Themen angerissen, aber nur ganz selten eindeutig beantwortet. Im Gegenteil: auf fast jede Frage gibt es mehrere Antworten. Bei den ‘Plot Points’ wird dies am offensichtlichsten: Ist KAMINSKI (Jesper Christensen) nun blind oder nicht? War THERESE (Geraldine Chaplin) nun seine große Liebe oder nicht? Ist seine Kunst nun bedeutend oder nicht? All das wird diskutiert, aber nie abschließend beantwortet. Am Ende würde man vermutlich auf alle Fragen antworten: ‘eher nicht’.

Dasselbe gilt aber auch für die kleineren Details der Handlung: interessiert sich SEBASTIAN (Daniel Brühl) nun wirklich für Kaminski? Hat für ihn Kunst eine Bedeutung? Hat er für seine erzürnte Freundin ELKE (Jördis Triebel) echte Gefühle? Auch hier würde man vorsichtig formulierend sagen müssen: ‘eher nicht…’.

Damit schlägt der Film sehr vorsichtige, melancholische und durchaus auch philosophische Töne an. Auch wenn die Schauplätze mitunter visuell viel hergeben, auch wenn die Reisebilder mitunter viel bieten, es viele stark besetzte Nebenfiguren und Nebenhandlungen gibt, und auch wenn auf dem gemeinsamen Trip nach Nordfrankreich so einiges Heiter-Absurde passiert: einen wirklich handlungsstarken Plot, ein erkennbares ‘Want’ gibt es nicht. Kaminski will mal zu Therese, und dann auch wieder heim. Immer im Wechsel von Vor und Zurück. Und auch die Beziehungsebene zwischen dem störrischen Maler und dem soziophoben Biografen kommt nur sehr sanft und spät in Gang.

Im Mittelpunkt steht anstatt aller äußeren Dramaturgie ständig die Frage: gibt es irgendetwas, das besonders wichtig wäre im Leben? Und auch hier, man ahnt es schon, lautet das Fazit: ‘eher nicht’…

Damit widerspricht der Film auf hohem und konsequentem Niveau all dem, was das Mainstream-Kino unter Dramaturgie versteht. Genau die Qualitäten, die im Normalfall eine besonders große Rolle spielen (sollten), werden hier ganz vorsätzlich negiert: es gibt eben KEINE Entschiedenheit; KEINE klare Konfliktlinie; KEINE eindeutigen Ziele und Absichten. In der Kunst hätte man wohl von ‘Chiaroscuro’ gesprochen. Allein eben darin, sich NICHT an vorgegebene Muster des Erzählkinos zu halten, ist der Film entschieden. Das gibt ihm sein Alleinstellungsmerkmal (worin er von allen Filmen der letzten Jahre am ehesten an “Über-Ich und Es” von Benjamin Heisenberg erinnert).

Wenn also “Ich und Kaminski” mit Sicherheit Liebhaber und Bewunderer finden wird (allerdings weitgehend aus dem Segment höher gebildeter älterer Bürgerschichten), ist eine Weiterschreibung der Erfolgsgeschichte von “Good Bye, Lenin” nicht zu erwarten. Was viel weniger daran liegt, dass die Hauptfiguren allgemein als ‘unsympathisch’ eingestuft werden.   Denn das Menschenfeindliche, ja Erbärmliche an Zöllner verliert sich ja im Lauf des Films zusehends, wo zwischen ihm und  Manuel eine zärtliche Freundschaft entsteht, die auf beiden Seiten eine Wandlung erkennen lässt.

Die Tatsache, dass viele Zuschauer auch Mühe haben werden, richtig ‘reinzukommen’, dürfte  wohl eher auf einer tieferen Ebene zu erklären sein. Denn es fehlt nicht nur der äußere, sondern auch der innere Konflikt. Die eigentlich Fragestellung, die Frontlinie der beiden konkurrierenden Wertesysteme verläuft ja zwischen zwei Polen: auf der einen Seite der Glaube an das Große, Sinnvolle, unbedingt Bedeutende, das den Kunstbetrieb am Laufen hält  – und auf der anderen Seite die skeptische Verneinung. Zwischen beiden Polen läge im Idealfall der innere Konflikt, in dem sich das Publikum universell wieder finden kann. Würde er sich irgendwann zeigen, wäre viel gewonnen.

Doch beide, Kaminski und Zöllner, glauben von Anfang an nicht so recht an die Größe und Erhabenheit der Kunst oder des Lebens – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Beide sind skeptisch durch und durch. Um aber die Frage nach dem, was ‘wichtig’ ist, scharf zu stellen, wäre es wohl hilfreich gewesen, Figuren einzuführen, die WIRKLICH an die Größe der Kunst, der Bedeutsamkeit und des Sinns glauben. Diese existiert aber höchstens am Rande in der Witzfigur BOGOVICH (Stefan Kurt), die nicht wirklich zur Story des Films gehört.

Indem der Film eigentlich zwei Geistverwandte, zwei vom Glauben Abgefallene durch Europa fahren lässt, ist die innere Spannung nicht so groß, wie sie sein könnte und dem Film dramaturgisch vermutlich geholfen hätte. Wenn Sebastian am Ende dazu bereit ist, das ‘Nichts’, das er hat, ‘wegzuwerfen’, wie das Koan nahelegt, so ist der Weg, den er dorthin zurück legen musst, nicht allzu weit.

So wurde “Ich und Kaminski” zu einem Film, der mit viel Liebe zum Detail große Fragen stellt und sie mit Absicht offen lässt. Das ist ein Spiel, an dem man großes oder auch weniger großes Vergnügen haben kann. Dass der Film dem anspruchsvolleren deutschen Kino aus der massiven Zuschauerkrise helfen kann, die ihn zu lähmen droht, ist aber leider kaum zu erwarten.

München, 19.9.2015

Roland Zag

filmstarts.de