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Filmbesprechung

Im Sommer wohnt er unten

Buch und Regie: Tom Sommerlatte

Vier Erwachsene, ein Kind, ein Haus mit Swimming Pool: "Im Sommer wohnt er unten" bezieht einen guten Teil seiner Kraft aus dem Mut zur Reduktion. Es handelt sich um ein lupenreines Kammerspiel, in dem es um Unterschwelliges, Unausgesprochenes, Verborgenes geht. Kein Wunder, dass man nicht nur aufgrund des Spielortes des Films an französisches Kino denkt: ganz offensichtlich steht der Komödientypus unseres westlichen Nachbarn hier Pate – was man vom deutschen Film leider viel zu selten sagen kann.

Die Spielanordnung ist einfach. Es gibt zwei Paare mit sehr ausgeprägter Rollenverteilung: im Fall von CAMILLE (Alice Pehlivanian) und MATTHIAS (Sebastian Fräsdorf) hat die ambitionierte Frau ganz klar das Sagen. Matthias hingegen flüchtet sich in die Fantasiewelt seines Stiefsohnes, die - erzählerisch in eine feinfühlige Metapher verwandelt - sich in einem Baumhaus manifestiert, wo der nie erwachsen gewordene Matthias von der Kindheit träumt.

Krasser und einseitiger ist Rollenverteilung bei LENA (Karin Hanczewski) und DAVID (Godehard Giese). Der ältere und dominante Bruder von Matthias wird als präpotenter Herrenmensch aufgebaut, der sofort alle negative Energie des Publikums auf sich zieht, während Lena lange Zeit nur das scheue Weibchen gibt.

In dieser Opposition von zwei rivalisierenden Alphatieren (Camille, David) und zwei eher introvertierten 'Losern' (Lena, Matthias) steckt ein sehr eindeutiger und ständig spürbarer Konflikt: es kommt zum inneren Kampf zwischen Selbstbehauptung und Nachgiebigkeit. Camille will sich vom Macho David nicht klein kriegen lassen; Matthias versucht die Krise, wie immer, auszusitzen; Lena tut so, als bemerke sie gar nichts von der unterschwelligen Spannung. Aus Publikumssicht entsteht ein klarer Wunsch, dass sich Davids Anmaßung am Ende ebenso relativiert wie Matthias' und Lenas Unterwürfigkeit sich doch bitte in Selbstbehauptung umwandeln möge. An diesem Wunsch orientiert sich die Gesamtdramaturgie des Films.

Doch zunächst verharrt die Geschichte relativ lange und relativ ambivalenzarm in der starren Gegenüberstellung der beiden Brüder: der eine anmaßend, der andere feig. Mit keiner der Haltungen kann man sich als Zuschauer recht abfinden. Und gerade in diesem inneren Widerstand liegt die Spannung, die in "Im Sommer wohnt er unten" den Zuschauer bei Laune hält.

Erst etwa in der Mitte des Films beginnt, dem Publikumswunsch entsprechend, die allmähliche Demontage des männlichen Alphatieres. David wird immer mehr als Versager und spielsüchtiger Schuldenmacher entlarvt. Und je mehr dessen Nimbus schwindet, desto mehr steigt das Selbstbewusstsein seiner Frau, die am Ende alle Register zieht und einfach abhaut.

Dass David dann vom Drehbuch nicht einfach 'geopfert' und komplett in Staub getreten wird, gehört zu den berührenden Momenten des Films. Denn Matthias fühlt sich keineswegs als der 'bessere' der beiden Brüder, sondern reicht David durchaus die Hand. Dass beide am Schluss - in eben dem besagten Baumhaus, welches die verlorene Kindheit suggeriert - auf Augenhöhe zu einander finden, gibt dem Film die nötige menschliche Tiefe.

Dennoch könnte man am Schluss ein bisschen ratlos auf das zurück bleibende Paar Camille-Matthias blicken. Denn wirklich viel verändert hat sich dort nicht. Die Frage, was genau dieses Paar eigentlich bei einander hält; wie sich Matthias in Zukunft sein Leben vorstellt; und welcher Platz für Camilles Sohn bleibt --- auf all diese doch sehr wichtigen Fragen gibt der Film kaum eine Antwort.Insofern werden die Publikumswünsche zwar auf der primären Ebene erfüllt; auf der sekundären Ebene hätte man sich einiges tiefer und entwickelter vorstellen können.

Gleichwohl genügen diese dramaturgischen Qualitäten, um dem Film einen soliden Status zu sichern und dafür zu sorgen, dass "Im Sommer wohnt er unten" zwar nicht zum Publikumshit, aber doch zu einem kleinen relativ lang laufenden Arthouse-Erfolg werden konnte.

München, 25.11.2015

Roland Zag

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