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Filmbesprechung

Irre sind männlich

Buch: Ilja Haller, Philipp Voges; Regie: Anno Saul

Für gewöhnlich brauchen Filme dieses Genres und dieser Marktausrichtung in erster Linie zweierlei: genügend Lacher und eine emotional halbwegs stimmige Auflösung der Liebesgeschichte. Beide Bedürfnisse dürften von ‘Irre sind männlich’ zunächst befriedigt werden. Die Welt der Familienaufstellungen und Therapien bietet genügend Raum, um aus dem Tragisch-Emotionalen auch das Komische heraus zu kitzeln – auch wenn dies in den meisten Fällen auf ein Fremdschämen auf Kosten anderer hinausläuft. Dem Zielpublikum dürfte dies mehrheitlich entgegen kommen. Allerdings dürfte den überwiegend jungen Zuschauern die Welt der Familienaufstellungen eher fremd und nicht besonders aufregend erscheinen.

Und die Beziehungsgeschichten der beiden Protagonisten werden rein formal betrachtet befriedigend gelöst: DANIEL (Fahri Yardim) findet am Ende in BERNADETTE (Peri Baumeister) eine Geistverwandte, die seine rasende Eifersucht beglückt als Liebesbeweis akzeptiert; und THOMAS (Milan Peschel) wird durch die Begegnung mit SYLVIE (Marie Bäumer) aus seiner zwanghaften Polygamie befreit – denn Sylvie schlägt ihn gewissermaßen mit seinen eigene Waffen. Auch die Loyalität unter den Freunden wird nie in Frage gestellt.

Also soweit alles gut. Alles gut?! Filme dieses Kalibers, die aufs wirklich ganz große Publikum schielen, dürfen sich dann eben doch nicht ganz zufrieden geben, wenn die Rechnung nur halbwegs aufgeht. Denn die Mundpropaganda ist dann doch maßgeblich von der Intensität dessen abhängig, was der Film an innerer Erfahrung und innerer Reise des Zuschauers zu eigenen ähnlichen Erlebnissen anzubieten hat. Hier hilft vor allem eine möglichst einfache, klare, konflikthaltige Prämisse (Beispiel: “Fack ju Göhte”) – um diese möglichst schlagkräftig und konflikthaft abzuhandeln.

Mit einer einfachen, klaren Prämisse aber kann “Irre sind männlich” nicht wirklich aufwarten. Denn schon bei der Haltung der Hauptfigur Daniel stößt man auf Schwierigkeiten und innere Widersprüche. Zunächst könnte man als ‘äußeres Ziel’ annehmen, dass Daniel seine Freundin MIA (Josefine Preuß) zurück haben will. Aber genauso gut könnte man sagen: er will von seiner Eifersucht befreit werden… und das sind schon zwei nicht klar getrennte Antriebe, die die Figur diffus erscheinen lassen. Letztlich folgt Daniel aber weder dem einen noch dem anderen Ziel: vielmehr lässt er sich von seinem Freund Thomas zu einer Art sexuellen Beschäftigungstherapie überreden – also würde mit genügend Geschlechtsverkehr Daniel dann irgendwann von seiner Schwermut geheilt. Also was ganz genau ist nun Daniels Ziel?!

Es dauert lang, bis all diese Pläne sich als falsch herausstellen – aber auch dann wird Daniel weder aktiv, um Mia zurück zu erobern, noch um sich von der Eifersucht zu kurieren (obwohl die Therapie-Wochenenden natürlich hierzu Gelegenheit böten). Erst sehr spät wird klar: eigentlich ist Daniel reif für eine NEUE Beziehung zu Bernadette. Diese wird, wie oben beschrieben, zwar stimmig erzählt und über die hübsche Idee eines Kinderbuch-Comics liebevoll ausgeführt. Doch um die fürs dramatische Erzählen so wichtige WANDLUNG herbei zu führen, hätte eben Daniel von Beginn an viel klarer definiert werden müssen. Und es hätte klarer sein sollen, was genau eigentlich an der Beziehung zu Mia nie gestimmt hat (allein der Grund, dass sie nachts schnarcht, reicht da nicht aus…).

So kommt man jetzt zum verblüffenden Schluss, dass zwar die zweite Hauptfigur Thomas eine 180-Grad-Wendung vornimmt – Daniel als eigener Protagonist aber am Ende geradezu trotzig seine untherapierbare Eifersucht als Liebesbeweis verkauft – sich also kein bißchen verändert hat. Und damit bleibt eine ganz wichtige Ebene des Erzählens, eben die Wandlung, unbespielt.

Doch auch sonst verschenkt der Film Potenziale: etwa in Fragen der Fallhöhe (es steht nie sehr viel auf dem Spiel! Denn das seltsame ‘Therapie-Verbot’ trifft die Figuren, die ohnehin nie an Therapie interessiert waren, nicht sehr hart); die Freundschafts-Ebene mit den Brutalo-Computerspielen hätte ebenfalls als Gegenwelt viel griffiger werden können; und letztlich leuchtet nie so ganz ein, warum Thomas, der offenbar überall auf eine unbegrenzte Zahl von Frauen zugreifen könnte, sich überhaupt der Tortur von Therapie-Wochenenden unterzieht…wo er doch angeblich jederzeit ganz viele andere Frauen haben könnte…

Unter der scheinbar stimmigen Oberfläche eines ordentlich aufgebauten Drehbuchs knirscht es dann also doch gewaltig. Man könnte einwenden, dass einem Publikum, das auf Instant-Unterhaltung ohne Nachhall aus ist, derartige Mängel nicht auffallen. Das aber wäre ein Irrtum. Denn natürlich kennen auch die Zuschauer von “Irre sind männlich” weit stärkere Erzähltypen desselben Genres, geglücktere Genre-Variationen und stringentere Erzählprämissen. Und entsprechend wird die Weiterempfehlungsrate unter dem Niveau liegen, welches prinzipiell erreichbar und auch Voraussetzung dafür wäre, dass der Film z.B. die Millionengrenze erreicht oder überschreitet.

Wenn dies nun vermutlich nicht der Fall sein wird, dürfte dies nicht zuletzt an den oben aufgezeigten Mängeln liegen, die bei einer sorgfältigeren Drehbucharbeit behoben hätten werden können.

München, 25.4.2014

Roland Zag

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