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Filmbesprechung

Joschka und Herr Fischer

Buch und Regie: Pepe Danquart

Der Film portraitiert weniger einen Mann als ein Stück Zeitgeschichte, das man selten so dicht und kompakt vorgestellt bekommt wie hier.  “Joschka und Herr Fischer” ist mit wenigen Ausnahmen eine One-Man-Show. Der berühmte Ex-Politiker spricht über sich selbst – und zwar sehr streng auf die politisch-historische Ebene begrenzt. Jeglicher private Kontext ist ausgeklammert. Rein prinzipiell wird man diesem Setting nicht mal ein Mindestmaß an ‘human factor’ zubilligen – denn von Bindungen an andere kann keine Rede sein.

Doch das täuscht. “Joschka und Herr Fischer” spricht sehr wohl von EINER, und zwar einer enorm starken Bindung. Nämlich an eine bestimmte Form von Ethik, die letztendlich an die grundsätzlichen Werte des Zusammenlebens rührt. Der Protagonist erscheint in seiner Vereinzelung wie ein Mensch, der sich in seltener Konsequenz der Lawine von Geschichte, Politik, Gewalt und Schicksal ausgesetzt und gegen eine fatalistische “Man kann halt nichts ändern”-Stimmung gestellt hat. Fischer wollte etwas ändern, und er musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Sein Grundkonflikt könnte in etwa lauten:

- Will ich ein Leben führen, in dem ich beständig von einer besseren Welt träume, aber damit leben muss, dass ich nicht viel zur Verbesserung beitrage?

- Oder stelle ich mich der unbequemen Tatsache, dass man die Welt zwar nicht schnell verbessern kann, man aber auf dem mühseligen und verworrenen Weg der Verantwortung durchaus die Möglichkeit hat, an ein paar wenigen, dafür wichtigen Entscheidungen mitzuwirken?

Fischer hat sich eindeutig für den zweiten Weg entschieden. Er fühlt sich der Loyalitätsebene der Menschheitswerte verpflichtet. Es wird klar, wie wenig “Lust” er auf viele Aspekte der politischen Machtausübung hatte. Der gewaltige, frustrierende, langsame, schmerzhafte, von Widersprüchen gekennzeichnete Weg politischen Handelns wird sehr deutlich spürbar und hat sich seinen Zügen eingeschrieben.  Insofern musste sich Fischer von allen “Fundi”-Träumen verabschieden. Wer sich in Konflikten behaupten will, muss sich transformieren und so auch bestimmte Werte verraten. Das ist ein Prinzip nicht nur des dramatischen Erzählens, sondern jeglicher Erfahrung. Dass er sich in die pragmatischen Niederungen konkreter Politik begeben hat, kann man ihm vorwerfen.Der Verlust der Unschuld ist sicher ein Preis, den er zahlen musste.

Auf der anderen Seite steht der Begriff der Verantwortung. Fischer hat sich bis zur Selbstaufgabe der Herausforderung gestellt, im Mahlstrom politischen Handelns sich so treu wie möglich zu bleiben. Dass das nur bedingt möglich war, ist klar. Dafür hat er ein paar ganz wesentliche politische Entscheidungen der letzten Jahrzehnte mitgetragen und Verantwortung übernommen. Die Last und Mühe ist dem Protagonisten ebenso anzusehen wie der Schmerz über die vielen Angriffe und Kränkungen.

Insofern steht in seltener Eindeutigkeit EINE Bindung im Vordergrund: nämlich eben die an eine Art von ethischen Grundsatz. Verantwortung für ein bestimmtes Handeln ist per se ein hohes Gut – selbst noch dann, wenn man, wie im Fall der deutschen Beteiligung an Kriegseinsätzen im Kosovo, die eigenen Grundsätze über den Haufen werfen muss.

Ganz egal also, wie man politisch zu Fischer steht – der Film wird diesem monomanischen Konflikt eines Einzelnen mit der politischen Wirklichkeit (west)deutscher Geschichte sicher gerecht. Der Grundkonflikt ist einfach und einleuchtend, gewissermaßen eine Drei-Akt-Struktur, die in diesem Fall das Leben selbst geschrieben hat. Die Bindung an ethische Grundsätze ist stark spürbar. Insofern doch ein ‘human factor’-Film, auch wenn von zwischenmenschlichen Beziehungen praktisch nie die Rede ist.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

Kinobesitzer und Filmkritiker beobachten schon seit längerem eine so genannte Dokuschwemme in den deutschen Filmtheatern. Jeder fünfte verliehene Film gehört diesem weit gespannten Genre an. Die allermeisten bleiben – mit nur wenigen Kopien herausgebracht – bei drei- und vierstelligen Besucherzahlen stehen, etliche werden fünfstellig und nur wenige schaffen es in den sechsstelligen Bereich; in diesem Jahr waren es zum Beispiel „Pina“ mit bisher fast 400.000 und „Justin Bieber 3D“ mit etwa 170.000. Der Filmemacher Pepe Danquart gehört zu den wenigen Regisseuren neben Wim Wenders, Michael Moore oder Thomas Grube, die schon mehrmals mit ihren Dokumentarfilmen diese Größenordnung erreicht haben: „Am Limit“ (2008) über zwei Bergsteigerbrüder sahen 188.000 und „Höllentour“ (2004) über die Tour de France 200.000 Kinobesucher. Angesichts der hohen Relevanz und Bekanntheit des Protagonisten sollte es ihm mit „Joschka und Herr Fischer“ erneut gelingen, Aufmerksamkeit zu erreichen. Gerade für ein Zielpublikum aus Alt-68igern und ihren direkten Nachkommen bietet die Dokumentation eine reizvolle Gelegenheit, anhand des bewegten Lebens des Grünen-Politikers die Geschichte des Landes wie Stationen der eigenen Biographie Revue passieren zu lassen.

Man muss hier nun sehen, dass der Film einerseits rein emotional sehr begrenzt wirksam ist (anders als in “Höllentour” oder “Am Limit” kommen keine zwischenmenschlichen Bindungen vor). Andererseits ist das Bild, das man erhält, äußerst konzentriert, informativ und auf der Konfliktebene dann eben doch “spannend”.

Alles zusammen könnte angesichts der sommerlichen Temperaturen und einer gewissen Kinomüdigkeit allenthalben sich zu Zahlen verdichten, die am Ende bei 100.000 bis 125.000 liegen mögen.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin/München 24.05.2011

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