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Filmbesprechung

Jud Süss - Film ohne Gewissen

Buch: Klaus Richter; Regie: Oskar Roehler

Die Beschäftigung mit dem berüchtigsten Film der deutschen Geschichte ist markttechnisch nicht unklug. Indem kaum jemand den Originalfilm von Veit Harlan kennen kann, da er nur äußerst selten – zum Beispiel demnächst in Braunschweig – gezeigt wird (gleichwohl in aller Munde ist), darf man ein bestimmtes bildungsbürgerliches Interesse an dem Fall voraussetzen. Doch bietet die Entstehung dieses Films tatsächlich ausreichend dramatisches Material für eine abendfüllende Veranstaltung?

Auf den ersten Blick ja. In “Jud Süss” steckt ein faustisches Motiv: der Pakt mit dem Teufel garantiert dramatisches Potenzial. Doch anders als in Goethes “Faust” und anderen Versionen liegt der Pakt nicht zu Beginn, sondern etwa in der Mitte. Und da liegt das Problem.

Im Fall von “Jud Süss – Film ohne Gewissen” lässt sich gut studieren, wie wichtig ENTSCHEIDUNGEN fürs dramatische Erzählen sind. Denn solange Ferdinand MARIAN (Tobias Moretti) sich nicht sicher ist, ob er die Rolle des Jud Süß auf Befehl von GOEBBELS (Moritz Bleibtreu) spielen soll, ist die Spannung groß. Marians Loyalitätskonflikt ist emotional bewegend. Nimmt er die Rolle NICHT an, ist seine Karriere so gut wie beendet. Der Machtmensch Goebbels lässt nicht mit sich spaßen. Nimmt er sie aber an, verrät er indirekt seine Frau ANNA (Martina Gedeck) sowie den befreundeten jüdischen Schauspieler DEUTSCHER (Heribert Sasse). Solange sich Marian in diesem teuflischen Konflikt befindet, besteht eine erhebliche dramatische Aufladung (allerdings wird sie dadurch gemindert, dass Marian seine Frau betrügt und auch ansonsten das Klima zwischen den beiden nicht zum Besten steht).

Sobald jedoch Marian die Rolle annimmt — ist die Luft raus. Was soll noch kommen? Harlans Film wird gedreht, und die Versuche, uns mittels kurzer Ausschnitte gleichsam im Readers-Digest-Verfahren “Jud Süß” vor Augen zu führen, müssen naturgemäß begrenzt unterhaltsam bleiben. Marian taumelt seinem Abgrund entgegen, und dieses Taumeln dauert dann doch ziemlich lang, ohne dass wirklich Nennenswertes passiert. Harlans Film läuft mal in Venedig, mal in Berlin, Posen, an der Front… doch alles bleibt absehbar.

Der einzige Rest an Spannung hat mit dem Schicksal von Marians Frau zu tun. Anna wird denunziert und verschleppt, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Da aber das Drehbuch wenig Wert darauf legt, die Beziehung zwischen Marian und Anna wirklich emotional zu gestalten (er vermisst sie ja nicht wirklich und schläft unter recht obskuren Umständen mit anderen Frauen, hat also letztlich nur abstrakte Schuldgefühle), bleibt die emotionale Verbundenheit nicht stark im Zuschauer haften.

Erst ganz am Schluss wird wieder Energie freigesetzt, als Marian dem Juden Deutscher wieder begegnet und dieser mit ihm abrechnet. Diese Form von Vergeltung ist logisch und einleuchtend, wenn man bedenkt, was Leute wie Deutscher durchgemacht haben. Aber wirklich froh wird man auch nicht. Eine Regung echter menschlicher Hinwendung findet man in “Jud Süß” vergebens, und das ist ein wichtiges Argument für eine eingeschränkte Publikumswirkung..

Hinzu kommt an dieser Stelle die Frage nach der historischen Authentizität. Generell braucht man sich zwar als Dramaturg nicht allzu viele Sorgen um historische Stimmigkeit zu machen. Was nicht wahr ist, kann gut erfunden sein, wie sich oftmals gezeigt hat. Zuschauer wollen packende Geschichten sehen, keinen Geschichtsunterricht.

Sobald man aber erfährt, dass die EINZIGE dramatische Voraussetzung, die “Jud Süß” emotional bewegend macht (eben Marians Verbindung mit dem Judentum), gar nicht der Wahrheit entspricht – dann mag sich doch der eine oder andere arglistig getäuscht fühlen. Und dieses Argument könnte sich dann doch auch am Markt bemerkbar machen.

Zusammenfassend wird man also nur dem ersten Teil des Films echte dramatische Qualitäten zusprechen können. Nach Marians Zusage für die Rolle kommt der Film trotz aller Versuche, sich mit wildem Sex interessant zu machen, nicht mehr recht in Fahrt. Insofern bietet er dem Publikum wohl nur mäßig aufregende Unterhaltung – und das dürfte sich am Markt auch niederschlagen.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

MARKTPROGNOSE:

Als der „meist diskutierte Film des Jahres“ wird Oskar Roehlers neues Werk bundesweit auf Plakaten beworben. Davon kann beim besten Willen keine Rede sein. Bei der Premiere im Wettbewerb der Berlinale haben sich Zuspruch wie Buhrufe geäußert und eine Diskussion entzündet, die sich aber schnell in engen Grenzen hielt. Von einem großen Filmskandal oder einer nationalen Debatte ist die Aufmerksamkeit für den Film weit entfernt. Das gesamte Wirkungsgefüge von „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ gibt das offensichtlich – entgegen der vermuteten Absichten der Macher – nicht her. Dabei ist die Besetzung für den deutschen Kinomarkt viel wert und höchst attraktiv. Tobias Moretti ist Millionen von Fernsehzuschauern aus „Kommissar Rex“ bekannt, hat aber im Kino bisher nicht reüssiert. Martina Gedeck hat mit Hauptrollen in den Kinofilmen „Der Baader Meinhof Komplex“ und „Das Leben der anderen“ jeweils mehr als zwei Millionen Zuschauer, Moritz Bleibtreu sogar schon mit mehreren Kinohauptrollen ein Millionenpublikum erreicht. Die weiteren Namen wie Justus von Dohnanyi, Armin Rohde, Ralf Bauer, Robert Stadlober, Milan Peschel, August Zirner oder Gudrun Landgrebe sorgen für zusätzliche Attraktivität. Auch der Regisseur Oskar Roehler hat (neben einigen Flops) mit „Elementarteilchen“ (2006 etwa 838.000 Zuschauer), „Agnes und seine Brüder“ (235.000 in 2004) sowie mit „Die Unberührbare“ (202.000 in 2000) Publikumserfolge erzielt. Insofern stehen sich die reizvolle Besetzung mit dem eher unangenehmen Thema bezüglich der Marktwirkung gegenüber. Da die Weiterempfehlungsrate vermutlich eher unterdurchschnittlich ausfallen wird, könnte das Endergebnis zwar sechsstellig ausfallen, aber deutlich unter diesen Zahlen liegen. Die Obergrenze liegt wohl bei 150.000, sofern die Laufzeit in den Kinos sowie das Wetter es zulassen. Nach unserer Einschätzung werden es schließlich eher 100.000 bis 125.000 Zuschauer sein, die den „Film ohne Gewissen“ in den Kinos sehen wollen.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin/München 24.09.2010

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