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Filmbesprechung

Kein Sex ist auch keine Lösung

Buch: Michael Gantenberg, Hartmut Block, nach Mia Morgowski; Regie: Thorsten Wacker

Die Prämisse ist nicht neu, aber vielversprechend: Für den Werbefachmann TOM (Stephan Luca) gilt die Regel, mit keiner Frau mehr als drei mal Sex zu haben – alles darüber hinaus ist für ihn eine “Beziehung”, und eine solche kommt für ihn nicht in Frage. Klar, dass er in der Klemme sitzt, sobald ihm ELISA (Marleen Lohse), seine Arbeitskollegin, gut gefällt und das Maß der drei erlaubten Begattungen voll ist.

Bleibt die Frage, wie uns das Drehbuch vermittelt, dass die Chemie zwischen Tom und Elisa tatsächlich so unwiderstehlich knisternd ist, dass man sich als Zuschauer nichts mehr wünscht als die finale Verbindung beider Protagonisten. In “Freunde mit gewissen Vorzügen” wurde erst kürzlich effektvoll gezeigt, wie das geht: der Austausch zwischen den angeblich “guten Freunden”, die aber jede Menge Sex miteinander teilen, wurde auf Drehbuchbasis extrem intensiv gesteigert. Uns Zuschauern war klar, dass die Justin Timberlake und Mila Kunis aufgrund ihrer inneren Gemeinsamkeiten geradezu füreinander geschaffen sind – längst bevor diese selbst das begriffen haben.

Derartige Qualitäten hat “Kein Sex ist auch keine Lösung” eher nicht aufzuweisen. Der Austausch zwischen den Liebenden ist dürftig, und dem Publikum bleibt nur die Wahl, die große Liebe als Behauptung stehen zu lassen – oder sie einfach nicht zu glauben. Weder Tom noch Elisa haben starke innere Bindungen. Beide zeigen wenig Commitment, weder für einander (gegenseitige Hilfeleistungen sind Mangelware), noch für die Firma, die ja immerhin in großer Schieflage liegt, von ROLF (Armin Rohde) suboptimal gemanaged wird und insofern vor dem Ruin steht. Damit operiert der Film mit einem emotional prinzipiell schwachen inneren Zentrum, denn die Liebe, das Herzstück der RomCom, mag sich nicht vermitteln. Zumal zwar Tom gut vernetzt ist, Elisa aber völlig ohne soziales Umfeld eine sterile Kunstfigur bleibt.

Dramaturgisch stärker wirkt die Gefahr, die von Toms Ex-Geliebter LYDIA (Janin Reinhardt) ausgeht. Denn sie will als potente Geldgeberin einen wichtigen Kredit nur dann geben, wenn Tom ihrem aggressiven erotischen Werben nachgibt  – ein echter Plot-Point, der nur leider erst nach fast einer Stunde, also viel zu spät, eintritt. Doch auch auf dieser Ebene bleibt das Commitment der Hauptfigur gering. Tom geht es mehr darum, mit Lydia NICHT ins Bett zu gehen, als etwas für die marode Firma zu tun.Wirklich aktiv wird er kaum.

Am ehesten vermag “Kein Sex ist auch keine Lösung” deshalb durch die liebevoll ausgestalteten Nebenfiguren zu punkten. Emotional schlägt die Nebenfigur PAULE (Anna Thalbach) die Protagonisten um Längen, weil sie ein großes Herz hat und wirkliche Gefühle entwickelt. In der Geschichte zwischen ihr und RONALD (Michael Lott) kommt ein Austauschmedium, nämlich die Liebe zum FC St.Pauli, durchaus zum Tragen. Damit spielt diese Nebenhandlung auf einem viel höheren Niveau. Auch zwischen LUKE (Johannes Allmayer) und VINCE (Oliver Fleischer) entstehen Bindungen, die zum Eindruck einer reichen Vernetzung der Nebenfiguren beitragen. Diese Vielzahl an Figuren erlaubt es gegen Schluss dann auch, wirkliche Situationskomik zu entfalten und echte Screwball-Qualitäten an den Tag zu legen.

Damit kommt “Kein Sex ist auch keine Lösung” auf einer äußeren Ebene zu einigen Lachern, was allerdings kein wirklich zwingendes Gegengewicht gegen den Mangel an Gefühl zwischen den Hauptfiguren ist. Die Romantic Comedy braucht nun mal das Austauschmedium als Garant für die Gestaltung der Liebe zwingend. Wo  Gemeinsamkeiten und Gegenseitigkeiten fehlen, ist eine emotionale Spannung schwer herzustellen, und entsprechend dürfte das Echo auf den Film verhalten ausfallen.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Die Buchvorlage von Mia Morgowski hat sich gut verkauft. Das ist zweifellos ein Argument. Doch viel mehr äußere Faktoren hat der Film – mit Ausnahme des griffigen Titels und des beliebten Genres – kaum aufzuweisen. Die Namen der Darsteller haben zumindest im Kino allesamt nicht sehr viel Klang (Armin Rohde vielleicht ausgenommen). Vom Regisseur oder anderen Mitwirkenden geht nur peripher Strahlkraft aus, etwa von den aus dem TV bekannten Darstellern wie Felicitas Woll oder Michael Kessler, die aber kaum eine Rolle spielen.

Die Umsetzung versucht, mit bescheidenen Mitteln einen Hochglanz herzustellen, der dann letztlich doch mehr nach Fernsehen aussieht und optisch kaum wirklich nachhaltige Spuren hinterlässt. Wirklich unvergessliche Szenen weist der Film wohl eher selten auf, echte komische Schenkelklopfer wird man ebenfalls kaum finden. Infolge der Nähe zu ähnlich gelagerten Filmen aus den USA ist ein Alleinstellungsmerkmal kaum zu erkennen.

Freilich muss man dann doch die grundsätzliche Attraktivität des Genres mit in Erwägung ziehen. Dank des ansprechenden Marketings wird “Kein Sex ist auch keine Lösung” zunächst nicht direkt untergehen. Doch eine echte Mundpropaganda aufgrund der inneren Faktoren, geschweige denn der Emotionalität des Films ist kaum zu erwarten. Daher kann man sich am ehesten an Filmen wie “Kebab Connection” (220.000 Zuschauer in 2004) oder “Stellungswechsel” (360.000 in 2007) orientieren, deren Erfolge vergleichsweise bescheiden, aber eben doch gerade noch respektabel ausfielen. Demnach könnte “Kein Sex ist auch keine Lösung” am Ende um die 250.000 bis max. 300.000 Zuschauer in deutschen Kinos erwarten.

Dramaturgie – und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 30.11.2011

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