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Filmbesprechung

Kokowäh

Buch: Til Schweiger, Bela Jarzyk; Regie: Til Schweiger

Der Film baut erzählerisch im Wesentlichen auf drei erzählerische Grundprämissen auf:

1. erhält die Hauptfigur HENRY (Til Schweiger) den Auftrag, gemeinsam mit der inzwischen sehr erfolgreichen Ex-Freundin KATARINA (Jasmin Gerat) ein Drehbuch zu verfassen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit ist für den Protagonisten lebensnotwendig, denn er hat sonst kein Einkommen mehr. Als antagonistische Kraft stellt sich dabei heraus, dass die alten Wunden aus der gemeinsamen Beziehung wieder aufbrechen und somit das gemeinsame Projekt in Gefahr gerät.

2. steht eines Tages ein junges Mädchen vor der Tür. Sie ist Henrys leibliche Tochter, von der er nie etwas gewusst hatte. Natürlich besteht das Ziel darin, diesem Kind ein liebevoller Vater zu sein. Antagonistisch verhält sich dazu sein ursprünglicher Wunsch, niemals Kinder zu haben und verantwortungslos in den Tag rein leben zu wollen, sowie die völlige Überforderung durch die neue Aufgabe.

3. muss Henry sein Verhältnis zu TRISTAN (Samuel Finzi) klären. Dieser hat sich bisher als der leibliche Vater des Kindes gehalten. Nun leidet er darunter, dass die Ehe mit CHARLOTTE (Meret Becker) am Zerbrechen ist. Hier steht eine Annäherung und Aussöhnung der beiden Männer als Ziel vor Augen. Antagonistisch hierzu ist der immense Groll, den beide Männer aufeinander hegen, sowie die knifflige Frage, wer von beiden dem Kind Magdalena nun die Wahrheit über die Vaterschaft beibringen soll.

Ganz grundsätzlich tut dieses dreisträngige erzählerische Verfahren dem Film gut. Die Gefahr, dass sich die Dramaturgie an nur zwei Zielsetzungen aufreibt und totläuft, ist gebannt. Es gibt genügend Variationsmöglichkeiten, um die drei gesetzten Ziele immer wieder in Konkurrenz treten zu lassen und so echte Loyalitätskonflikte aufzubauen. Von ihnen lebt der Film.

Allerdings sind die drei Ziele von ganz unterschiedlichem Gewicht. Natürlich ist die soziale Relevanz im Falle des Kindes Magdalena sehr hoch. Das Kind steht in der Frage der Prioritäten an erster Stelle. Doch auch die Aussöhnung mit dem bisherigen Vater  ist von hohem emotionalem Wert. Denn natürlich wurde Tristan übel mitgespielt, und die Empathie gilt ihm. Die Aussöhnung zwischen Henry und Tristan garantiert sozialen Zuwachs und ist insofern sehr wichtig.

Ganz im Gegensatz dazu entwickelt die Frage, ob das entstehende Drehbuch nun gelingt oder nicht, gar keinen Sog. Wie so oft bleiben die Filmbranchen-internen selbstreferentiellen Teile der Erzählung irrelevant. Sie führen beim durchschnittlichen Zuschauer zur Ermüdung, weil Drehbücher etwas Abstraktes und Unsinnliches an sich haben. Daher wiegt auch die Wiederannäherung zwischen Henry und Katharina nicht sehr viel.

Dennoch bleiben zwei emotional sehr ergiebige erzählerische Linien übrig, und insofern sind die Voraussetzungen sehr gut, das Publikum emotional befriedigend zu unterhalten und eine überzeugende Gesamtlinie herzustellen.

Dass dabei einige ganz wesentliche Fragen auf der Strecke bleiben, darf nicht übersehen werden: z.B. stellt sich die Frage nach der Mitschuld von Tristans Frau und Magdalenas Mutter Charlotte gar nie. Vor allem aber wird dem armen Mädchen Magdalena eigentlich ganz übel mitgespielt. Es wird von seinem neuen Vater Henry mehr als einmal böse allein gelassen. Ganz grundsätzlich betrachtet verhält sich Henry also keineswegs immer wie ein verantwortungsvoller Vater. Der manipulativen Kraft filmischen Erzählens ist es allerdings doch möglich, eine eigentlich traurige Szene (ein junges Mädchen wird allein gelassen) als publikumswirksam darzustellen. Der Film zieht sich immer wieder darauf zurück, Kinder frecher und frühreifer darzustellen, als sie es der Altersstufe gemäß sind. Es ist nicht das erste mal, dass diese Rechnung aufgeht.

So schematisch die Anlage auch sein mag – der Weg vom einsamen, frauenverschlingenden Wolf Henry, der im Verlauf der Story immer mehr soziale Kompetenz entwickelt, kann nicht anders als befriedigen. Und die schlussendliche Patchwork-Großfamilie aus fünf Figuren spielt die emotionale Überzeugungskraft des Gemeinschaftsfaktors voll aus.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

Auch wenn nicht alles optimal entwickelt ist, so beweist Til Schweiger mitsamt seinem Team erneut absoluten Erfolgsinstinkt. Die wesentlichen emotionalen Auslöser treffen ins Ziel und das Unterhaltungspotenzial ist hoch. Zudem werden mit der entzückenden Tochter EMMA im Mittelpunkt vor allem für ein breites weibliches Publikum die richtigen Signale gesetzt. Hinzu kommen noch ein absolut populärer Soundtrack und eine Bildgestaltung, die mit erfolgreichen Hollywood-Filmen mithalten kann. Alle Fans und Zuschauer von „Keinohrhasen“ (2007, 6.284.000) und „Zweiohrkücken“ (2009, 4.256.000) werden vermutlich nicht ganz erreicht, da „Kokowääh“ (so buchstabiert die 8-Jährige Protagonistin „Coq au Vin“) weniger das männliche Mainstream-Publikum anspricht, aber zwischen 3,5 und 4 Millionen vornehmlich weibliche Zuschauer  werden sich unserer Einschätzung nach an Til Schweigers neuestem Film doch erfreuen und für eine positive Weiterempfehlungsrate sorgen.

Markteinschätzung: Norbert Maass

München, Berlin 4.2.2011

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