aktuelle

Filmbesprechung

Lauf, Junge, Lauf

Buch: Heinrich Hadding, Pepe Danquart, nach dem Roman von Uri Orlev; Regie: Pepe Danquart

Noch immer liefert die Geschichte des 2. Weltkriegs einen unerschöpflichen Vorrat an unglaublich erzählenswerten Geschichten. Selbstverständlich gehört das unter irrwitzig glücklichen und zugleich tragischen Umständen gelungene Überleben des kleinen SRULIK (Kamil Tkacz) dazu. Und selbstverständlich wirkt eine solche Geschichte zunächst filmisch ergiebig: die intensive Bindung des Jungen an den Auftrag des Vaters sorgt für massive Loyalität;  die Zugehörigkeitsthematik, die den völlig auf sich selbst gestellten Jungen dazu zwingt, immer wieder weiter zu ziehen, wirkt ergreifend; der permanente Verlust von wichtigen Bezugspunkten (die Horde jüdischer Kinder; der Hund; die freundliche Bäuerin, deren Haus seinetwegen angezündet wird, usw.)  sorgt für eine hohe emotionale Aufladung.

Und doch muss man sich fragen, wo genau hier der universelle Kern dessen steckt, der ein heutiges Publikum über das rein empathische Miterleben hinaus dazu bringen kann, ein eigenes Erleben in diesem Schicksal zu spiegeln. Und hier liegt der Punkt, der uns zweifeln lässt: wovon genau erzählt “Lauf, Junge, lauf” eigentlich? Man könnte sagen: von der unfassbaren Kraft, die Kinder zum Überleben treiben kann. Oder auch: von der Gewalt des väterlichen Befehls, zu Überleben. Doch ist das wirklich genug? Denn letztlich verdankt das Kind sein Überleben einer Serie von glücklichen Zufällen und  Begegnungen mit wohlmeinenden Menschen, die alle auch ganz anders ausgegangen sein könnten. Aus Zuschauersicht ist die Story absolut unvorhersehbar. Sie beruht auf Zufällen und kann jederzeit jede mögliche Wendung nehmen, ohne dass ein dramatischer, das Innenleben der Figur berührender Kern sich zeigen würde.

Erst wenn man genauer hinschaut, steckt eine ganz innere Identitätskrise in Sruliks Reise. Denn er erhält eigentlich vom Vater den Auftrag, nie zu vergessen, dass er Jude ist. Doch sein Überleben verdankt er letztlich genau dem Gegenteil: nämlich seiner Fähigkeit, die jüdische Identität total aufzugeben und sich mehr oder weniger glaubhaft zum Katholiken zu machen. Hier, und nur hier, liegt das eigentliche Drama. Dieses ist nun wirklich eine Herausforderung für die Drehbucharbeit: denn der innere Gewissenskonflikt eines Kindes, das genau zum Gegenteil dessen verdammt ist, was ihm der Vater vor seinem Tod aufgetragen hat, findet schwer die filmische Form.

In “Lauf, Junge, lauf” wurden aber leider nur sehr oberflächliche Versuche gemacht, dieses innere Geschehen zu bebildern. Wohl verharrt die Kamera immer wieder auf katholischen Ikonen. Welche Bedeutung sie für das Kind aber annehmen, wird nicht gezeigt: glaubt Srulik, der sich jetzt Jurek nennt, wirklich an Jesus Christus? Oder ist er nur ein geschickter Schauspieler? Hat er am Ende seine jüdische Identität wirklich VERGESSEN, oder stößt er sie nur von sich, weil er sie inzwischen ablehnt? Man erfährt es nicht.

So zerfällt “Lauf, Junge, lauf” in zwei sehr ungleich lange und ungleich gewichtige Teile: eine SEHR lange Serie von tragischen, aber auch glücklichen Zufällen; und eine sehr kurze, aber intensive Phase der Gewissensprüfung und Entscheidung, wo Srulik für den Rest seines Lebens hingehört: nach Polen oder nach Israel; ins katholische oder jüdische Milieu.  Beide Teile haben leider nicht genügend miteinander zu tun. Insofern erreicht “Lauf, Junge, lauf” keine wirkliche innere dramaturgische Geschlossenheit. Sie wäre aber nötig, um ein heutiges Publikum so messerscharf mit einer ganz präzise umrissenen Fragestellung zu konfrontieren, wie dies z.B. “Der Pianist” geschafft hat. Dort war die universelle Frage im Raum gestanden: ‘darf es sein, dass ein Angehöriger einer feindlichen Macht zum Freund und Lebensretter wird’? In “Lauf, Junge, lauf” wäre die Frage gewesen: ‘darf es sein, dass man, um sein Leben zu retten, die eigene Identität komplett verliert?’ Davon aber erzählt das Drehbuch letztlich zu wenig, um eine wirklich unvergessliche innere Erfahrung mit zu nehmen. Insofern wird der Film, wie sehr viele ähnlich gelagerte Beispiele, vermutlich nur einen Achtungserfolg erzielen und sich mit sehr bescheidenen Zahlen zufrieden geben müssen.

München, 28.4.2014

Roland Zag

Bildunterschrift