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Filmbesprechung

Liebe

Buch und Regie: Michael Haneke

Man kann sich der dramaturgischen Analyse dieses Films sicherlich auch mit den gängigen Parametern nähern. Man kann  z.B. die zentrale Beziehung ins Auge zu fassen: ganz offensichtlich herrscht zwischen der Klavierprofessorin ANNE (Emmanuelle Riva) und ihrem Mann GEORGES (Jean-Luis Trintignant) eine große Nähe, die uns hilft, emotional zu folgen. Man kann aber auch den grundlegenden Konflikt benennen, der sich selbstverständlich in Annes graduellem körperlichem und mentalem Verfall manifestiert – der Antagonist ist niemand anderes als der Tod. Man kann auch die soziale Bewegungsrichtung definieren: alles dreht sich um den Versuch der Abschottung und Isolation; Georges will mit seiner Frau und seinem Lebensdrama allein sein, er grenzt sogar die Tochter EVA (Isabelle Huppert) aus (umso bizarrer dann der finale, lang zelebrierte Kampf mit der Taube, die gleichsam zum ungewollten Zeugen seines Verbrechens wird). Man mag sogar, wenn man will, eine 3-Akt-Struktur erkennen, usf.

Doch letztlich kommt man wohl am weitesten, wenn man diesen Film als ästhetische Struktur begreift, die mit sehr einfachen, letztlich musikalischen Mustern operiert (nicht zufällig steht ja die Musik auch im Zentrum). Mit den Begriffen „Laut“ und „Leise“, mit „Zurückhaltung“ und „Ausbruch“ kommt man dem eigenartigen erzählerischen Prinzip des Films  vermutlich näher als mit herkömmlichen dramaturgischen Modellen.

Denn letztlich besteht die Dramaturgie aus einer sehr langen Strecke von sehr leisen Signalen. Die längste Zeit beschreibt die fast dokumentarisch wirkende Erzählung einen schier lautlosen Verfall: während Anne regrediert, arbeitet Georges hoffnungs-und hilflos, aber auch weitgehend stumm gegen diesen Verfall an. Im Zuschauer regt sich das Verlangen nach einem Ausbruch, einem Schlag, einer Pointe: „Da muss noch was kommen“.

Und es kommt tatsächlich noch was. Dieser EINE Schlag kurz vor Schluss verleiht dem erzählerischen Prinzip erst seinen Sinn. Erst als man als Zuschauer eigentlich schon fast nichts mehr erwartet, erreicht uns hinterrücks die Attacke, die alles überschattet, aber auch den Sinnzusammenhang stiftet. Sie besteht in dem gewalttätigen und schockierenden (man muss im Zusammenhang einer Analyse leider den Überraschungsmoment der Pointe hier verraten) Akt der Tötung. Georges erstickt seine Frau, weil er den gemeinsamen Zustand des Verfalls nicht mehr aushält.

Dieses singuläre Fortissimo nach 90 Minuten Pianissimo verleiht dem Film die einzigartige Kontur. Die dramaturgische Absicht ist mit der rein künstlerischen Idee identisch: es geht darum, nach einer sehr langen Strecke von minimalen Ausschlägen genau EINEN Akzent zu setzen. Dadurch entsteht die erstaunliche Geschlossenheit des Ansatzes, der sich als ästhetisches Erlebnis, als konsequenter Wurf nachhaltig einprägt.

So erhält der Film auch seine inhaltliche, moralische und philosophische Bedeutung. Kann denn der Mord, der hier geschildert wird, mit dem Begriff der „Liebe“, der im Titel plakativ ausgestellt wird, zusammen gedacht werden? Ist es uns erlaubt, ein Wort, das nicht zuletzt auch im religiösen Zusammenhang mit absoluter Gewaltfreiheit besetzt ist, mit dem brutalen Aspekt der vorsätzlichen Tötung zu verbinden? Ist Georges’  Tun verwerflich, wie es die katholische Lehre, aber auch das Strafgesetzbuch sieht, oder nicht doch eher ein Akt der Gnade?

Eine Antwort wird hier – wie in allen Filmen des Autors – nicht gegeben. Aber die Fragestellung ist eine, die uns im gegenwärtigen Zustand, wo die Probleme der Überalterung der Gesellschaft allgegenwärtig sind, natürlich sehr beschäftigen muss. Und nur insofern kann hier im Falle eines hermetischen Kammerspiels dann doch von „sozialer Relevanz“ gesprochen werden. Sie bezieht sich nicht auf das Figurenpersonal. Sondern  auf die moralische Fragestellung. Diese wird auch für den Markterfolg des Films ausschlaggebend sein.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

„Liebe“ bildet das Gegenteil zum figurenreichen, sozial ungemein aufgeladenen und komplex erzählten Erfolgsfilm „Das weiße Band“. War dort eine große Zahl von Figuren und Ereignissen zu einem geschlossenen Bild zusammen gewachsen, herrscht hier die absolute Reduktion. Eigentlich muss man beide Filme zusammen denken, um zu sehen, mit welcher Radikalität hier gegensätzliche Erzählmuster zum Einsatz kommen.

Dennoch spricht, was den reinen Markterfolg angeht, einiges dafür, dass „Liebe“ nicht an „Das weiße Band“ heran reichen kann. Zum einen ist die frühere Schwarz-Weiß-Arbeit eine, die neben dem universellen Thema „Gewalt“ auch spezifisch deutsche Themata berührte. Zudem war dort mit Krimi-Elementen gearbeitet worden, auch mit episch-romanhaften Mitteln, die die Textur spannender und kontrastreicher machten. Zuletzt ist es eben die vorwiegend leise Gangart von „Liebe“, die ein konzentrierteres Publikum braucht und insgesamt doch weniger erregend wirken dürfte.

Dennoch ist “Liebe” ein “Must See” für ein erwachsenes Arthouse-Publikum mit starken Langläufer-Qualitäten. Als Messlatte kann ua. auch der thematisch verwandte “Satte Farben vor Schwarz” dienen, der schließlich auf 160.000 Zuschauer kam. Diesen Wert dürfte “Liebe” sicher übertreffen.

Insofern kann man sich im Falle von „Liebe“ Ergebnisse erwarten, wie sie frühere Haneke-Filme vor dem „Weißen Band“ auch erreicht haben, wie etwa „Die Klavierspielerin“, die auf 270.000 kam. Man darf sich das Ergebnis von “Liebe” knapp darunter vorstellen.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 5.10.2012

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