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Filmbesprechung

Ludwig II.

Buch und Regie: Marie Noelle, Peter Sehr

Die dramaturgische Aufarbeitung eines kompletten und komplexen biografischen Lebensbogens fällt in der Regel  schwer: ohne eine klare, übergeordnete Konfliktspannung droht eine filmische Aufarbeitung biografischer Fakten ins Beliebige zu zerfallen.

Diese Gefahr scheint in “Ludwig II.” gebannt. Man erkennt früh, “worum es geht”. Der Wertantagonismus ist klar: LUDWIG (Sabin Tambrea) sieht bei seinem Machtantritt die Chance, eine schönere, gerechtere, musikalischere Welt zu erschaffen. Dazu sucht er die Mithilfe von RICHARD WAGNER (Edgar Selge) und seines Vertrauten LUTZ (Justus v.Dohnanyi). Ludwigs pazifistischen und träumerischen Visionen stehen die Realpolitiker gegenüber, die ihn in den Krieg mit Preussen treiben wollen.

Die Opposition der beiden Welten (hier der romantische Träumer, dort die realpolitische Wirklichkeit) hält den Film über weite Strecken in Fahrt. Dies allein muss man dem Drehbuch hoch anrechnen.”Ludwig II.” ist über weite Strecken mehr als nur eine biedere Aneinanderreihung von Anekdotischem. Vielmehr geht es um Haltungen und Werte. Dadurch entsteht eine Kraft, die lange trägt.

In diesem Konflikt eingewoben, wenn auch recht keusch und entsagungsvoll dargestellt, wird Ludwigs homophile Neigung zum Diener HORNIG (Friedrich Mücke) samt aufgelöster Verlobung zu SOPHIE (Paula Beer) erzählt. Indem die Erzählung sich den nacherzählbaren, historisch gesicherten Fakten verpflichtet fühlt, bleibt die Darstellung notgedrungen eher äußerlich. Wirklichen Zugang zu Ludwigs Innenleben, d.h. zu seinen Bindungen an Menschen oder Ideen, erhält man nur sporadisch und eher plakativ. Der König wird zwar “sympathisch”, aber nicht allzu komplex erzählt. Dennoch entsteht über weite Strecken ein kohärenter, durchaus spannender Erzählfluss – was angesichts der Überfülle des erzählbaren Materials eine Leistung ist, die man würdigen muss.

Allerdings entsteht mit dem letzten Drittel ein heftiger Bruch: die Erzählung überspringt gleich ganze 14 Jahre, und auch der Darsteller, der uns schon sehr lange an sich gefesselt hatte, wird gewechselt (der alte Ludwig wird nun von Sebastian Schipper dargestellt). Zu dieser späten Zeit im Leben des Königs haben die Gegenkräfte längst gesiegt – daher ist von Konfliktspannung nicht mehr viel zu spüren. Entsprechend versucht der Film hier  im Schnelldurchgang die berühmten Schlösser sowie das rätselhafte Ende abzuhandeln, ohne dass nochmals echte Spannung aufkommen mag. Insofern verliert die Dramaturgie erkennbar an Kraft – anstatt, wie im Kino vor allem nötig, noch auf den letzten Metern unvergessliche Eindrücke zu hinterlassen.

Insofern ist über die gesamte Strecke eine dramaturgische Verflachung zu konstatieren. Während der Phasen, wo erbittert um Richard Wagners Verbleib gerungen wurde, war erzählerisch durchaus  Kraft vorhanden. Nun aber nähert sich der lange letzte Akt einer Art Reisedokumentation an, in der die Figur des Königs fast verschwindet. Diese abflachende Gesamtkurve ist angesichts der historischen Fakten zwar schwer zu verhindern, aber eben für den Gesamteindruck des Films  störend. Insofern wird “Ludwig II.” einem interessierten Publikum durchaus unterhaltende Informationen – aber eben kein erschütterndes, lange nachwirkendes Drama liefern.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

“Ludwig II.” ist vielleicht die populärste Herrscherfigur Deutschlands. Daher findet eine Verfilmung mit Sicherheit ihr Publikum, wenn auch im Süden der Republik eher als im Norden. Dass hier eher die historische Korrektheit als die filmisch visionäre Autorensicht im Vordergrund steht, dürfte das Zielpublikum nicht stören, oder sogar eher in dessen Sinn sein. Man bekommt vergleichsweise stimmige Lebensdaten erzählerisch ansprechend aufbereitet. Dazu wurde ein “Who is Who” der deutschen Darstellerriege verpflichtet; dazu kommt ein junger, charismatischer Schauspieler, der eine besondere Nähe zum dargestellten Objekt herzustellen in der Lage ist.

Dennoch darf man sich am Markt von “Ludwig II.” keine ganz großen Erfolge erwarten. Die Intensität der Intensität oder Erschütterung, die der Film auslösen kann, ist begrenzt. Die Dramaturgie leidet erkennbar zwischen einer echt autonomen Erzählung, und dem Zwang, bestimmte Fakten unterzubringen, ohne den Rahmen zu sprengen.

Daher wird man “Ludwig II.” eher als einen informativen, fürs interessierte Publikum Fakten geschickt verwebenden Film wahrnehmen, als ein wirklich packendes, künstlerisch mitreißendes Werk. Insgesamt könnte man hier als Vergleich an Sophie Coppolas “Marie Antoinette” (150.000) denken, an “Henry IV” (35.000) oder an “Die Königin und der Leibarzt” (50.000). Keiner dieser Filme fand ein wirklich riesiges Publikum. Entsprechend wird sich auch der Erfolg von “Ludwig II.” in Grenzen halten. Je nach Interesse in den nördlicheren Bundesländern kann man sich aus unserer Sicht Zuschauerzahlen von 350.000 bis max. 500.000 vorstellen.

München, 2.1.2013

Roland Zag

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