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Filmbesprechung

MÄNGELEXEMPLAR

 

Buch: Laura Lackmann Popescu (nach dem Roman von Sarah Kuttner); Regie: Laura Lackmann Popescu

 

„Mängelexemplar“ dreht sich um das Phänomen der Depression. Sie spielt in unserer Gesellschaft von der chronisch schlechten Laune bis hin zum Suizid eine große Rolle. Es wird gerade unter den jungen Menschen viele geben, die sich von der Thematik angesprochen fühlen, weil die Auseinandersetzung mit dem Thema tabuisiert ist.

 

Die Darstellung psychischer Krankheiten hat im Kino der letzten Jahrzehnte ein ganz eigenes Genre entstehen lassen. Es gibt dafür zwar noch keinen eigenen Namen, dafür aber eine Menge einprägsamer Filme. Zu den populären Erfolgsmodellen gehörte z.B. „Silver Linings“. In Deutschland drehte sich vor kurzer Zeit erst „Hedi Schneider steckt fest“ um ein ähnliches Phänomen. Aber eigentlich darf man sogar „Feuchtgebiete“ diesem Genre zurechnen. Und der Vergleich mit diesem sehr extremen und exponierten Film samt seiner Vorlage führt uns im Kern auch schon zur erzählerischen Absicht von „Mängelexemplar“.

 

Es handelt sich nämlich nicht eigentlich um ein Werk des typischen deutschen Arthouse-Betroffenheitskinos herkömmlicher Art. Vielmehr wurde versucht, einen betont zeitgeistigen, bunten, frechen Zugang zu finden, der die Depression nicht zum finsteren Krankheitsfall, sondern zum alltäglichen Phänomen alltäglicher Menschen erklärt. Dieser Zugang wurde in „Feuchtgebiete“ ebenfalls gesucht – wenn auch ins Groteske und Überhöhte gesteigert.

 

An diesem Punkt schreckt dann aber „Mängelexemplar“ bezeichnender Weise doch wieder zurück: letztlich geht die Erzählidee nur selten über den realistischen Zugriff hinaus (etwa wenn die Protagonistin sich leibhaftig mit ihrem inneren Kind konfrontiert sieht). In dieser Gratwanderung von Mut einerseits und Zurückschrecken andererseits liegt schon viel von der Eigenart des Films.

 

Einerseits ist es mutig, die Dramaturgie des Erzählerischen der Unberechenbarkeit der Krankheit zu unterwerfen. Depressive Schübe unterliegen keiner erkennbaren Logik. Sie kommen, gehen, kehren wieder. Genauso ist „Mängelexemplar“ erzählt. Man erkennt kaum klare Ziele; es gibt keine Richtung, und insofern auch keine Story. Die Wendepunkte des Films gehorchen der Krankheit, nicht dem Zugriff der Dramaturgie. Vieles dreht sich im Kreis. Das ist konsequent.

 

Andererseits werden dann doch viele Fragen gestellt, die eigentlich eine ganz rationale Antwort verlangen – welche der Film sich dann zu geben doch nicht traut.

 

Man fragt sich zunächst, ob die Krankheit von KARO (Claudia Eisinger) nun endogen, also angeboren, oder sozial bedingt ist – schließlich war das Leben mit Mutter LUZY (Katja Riemann) und dem fast immer abwesenden VATER (Detlef Buck) bestimmt nicht leicht. Wenn Karos Probleme in erster Linie ‚angeboren’ sind, helfen (hoffentlich) Tabletten. Diese spielen im Film eine große Rolle – aber sind sie am Ende dafür verantwortlich, dass es ihr besser geht? Vielleicht.

 

Wenn Caros Problematik eher sozial bedingt ist, wäre die Gesprächstherapie wohl besser geeignet. Auch diese wird in Gestalt der Therapeutin ANNETTE (Maren Kroymann) intensiv bespielt. Aber hilft sie wirklich? Man weiß es nicht.

 

Es wäre auch gut möglich, dass sich Karos Wendung zum Besseren darin begründet, indem sie irgendwann zu ihrem ‚Inneren Kind’ findet. Vielleicht liegt darin die Ursache für die finale Besserung? Hmmm...

 

Selbstverständlich haben aber auch die ganz ‚normalen’ Probleme mit ihren männlichen Freunden ihren Anteil an der Misere. Aber warum klappt es am Ende mit MAX (Maximilian Meyer-Bretschneider) besser als zuvor mit PHILIPP (Christoph Letkowski)? Und warum ist ANNA (Laura Tonke) lange Zeit so abweisend, wird dann aber doch zutraulich?

 

Dem Mut, den „Mängelexemplar“ im Fragenstellen entwickelt, steht die Mutlosigkeit gegenüber, mit der diese Fragen eben doch selten klar beantwortet werden. Man sieht zwar, dass es Karo am Ende besser geht – weiß aber nicht genau, warum.

 

Auch dies lässt sich nun wieder als Stärke UND als Schwäche betrachten. „Mängelexemplar“ ist einerseits ehrlich, weil sich Krankheiten nicht einfach ‚heilen’ oder in eine geordnete Story verpacken lassen; andererseits suggeriert der Film eben doch eine Art Besserung, wenn nicht Heilung, ohne zu begründen, wie sie sich vollzieht.

 

Was also trotz des Mangels an echter, zielgerichteter Story bleibt, ist der ‚human factor’. Es bleibt zwar rätselhaft, WARUM sich Karos Freundin, Mutter, Vater, Großmutter und auch ihr neuer Lover am Ende um sie kümmern, während das zu Beginn nicht der Fall war. Dennoch überträgt sich die Zunahme an Wärme und sozialer Vernetzung aufs Publikum und sorgt so doch am Ende für einen Hauch von 'Feelgood'.

 

So mag es vermutlich Zuschauer(innen) geben, die sich und ihre Realität in „Mängelexemplar“ gut wieder finden und entsprechend reagieren; mindestens ebenso wahrscheinlich aber ist eine Reaktion, die sich durch die Unentschiedenheit der Herangehensweise auch irritiert fühlt. Letztlich ist der Kinomarkt ein Ort, wo jede Art von Uneindeutigkeit bestraft wird.

 

Daher wird man den Markterfolg vielleicht am Ende gerade am Abstand zu „Feuchtgebiete“ messen können. Die Radikalität hat im einen Fall zu sehr hohere Akzeptanz geführt; an Zahlen wie die von „Feuchtgebiete“ aber kann „Mängelexemplar“ nicht im Entferntesten heran reichen. Insofern darf man sich doch fragen, ob nicht ein entschiedenerer, dramaturgisch geformterer Zugang letztlich doch weiter geführt hätte.

 

München, 17.5.2016

Roland Zag

 

 

 

Mängelexemplar

Quelle: X-Filme