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Filmbesprechung

Mein bester Feind

Buch: Paul Hengge; Regie: Wolfgang Murnberger

Geschichten aus dem dritten Reich sind heute mehr denn je gezwungen, neue, ungewohnte, womöglich groteske Aspekte aus dem sattsam bekannten Kosmos der Nazi-Herrschaft zu entwickeln. Zu abgegriffen sind die alten Muster. Hier hat Quentin Tarantino mit “Inglorious Basterds” neue Messlatten gesetzt.

“Mein bester Feind” kann dabei mit einer brillanten Pointe durchaus mithalten. Im Mittelpunkt steht eine emotional hoch aufgeladene Beziehung. RUDI (Georg Friedrich) ist der Ziehsohn der jüdischen Familie Kaufmann und damit der beste Freund von VICTOR (Moritz Bleibtreu). Als die Nazis die Macht ergreifen, schlägt sich Rudi jedoch in einem Akt krasser Illoyalität auf deren Seite.

Hier kommt es nun zum raffinierten Coup des Scripts. Denn ab dem Moment, wo Victor (inzwischen KZ-Häftling) mit dem SS-Mann und ehemals besten Freund Rudi die Uniformen tauscht, entsteht eine skurrile Umkehr der Verhältnisse. Der Jude Victor schwingt sich zum Nazi auf. Rudi  dagegen bekommt – ausgleichende Gerechtigkeit – die volle Wucht dessen zu spüren, was die Opfer des Regimes zu leiden haben. Drastischer kann die Polarität zwischen Welt und Gegenwelt, zwischen Sein und Schein kaum ausgesponnen werden. In dieser Phase hat der Film großartige Momente. Der Publikumswunsch wird massiv geschürt und auf grotesk komische Art auch erfüllt.

Allerdings dauert es seine Zeit, bis dieser Punkt erreicht ist. Was die schwerfällige Exposition angeht, kann “Mein bester Feind” mit dem später angeschlagenen Tempo nicht mithalten. Es dauert (zu) lang, bis der Film sein Alleinstellungsmerkmal findet, und die Verwechslungskomödie zwischen Opfer und Täter ist dann auch relativ bald wieder beendet. Am Ende fällt der Film in sein eher biederes, absehbares Anfangstempo zurück und verspielt so manchen Vorteil.

Wichtiger jedoch ist der menschlich zweifelhafte Aspekt. Nach Rudis amoralischem Verrat tut sich in der Beziehung der beiden Ex-Freunde nicht mehr viel. Rudis Charakter ist abgrundtief gemein, während Victor, aber auch seine Familie, über jeden moralischen Verdacht sind. Eine wirkliche Annäherung, Veränderung, Transformation in den Charakteren ist nicht zu erkennen. Bis zum letzten Bild sind die Zuschreibungen sehr klar und ohne größere Ambivalenz. Insofern erlebt man als Zuschauer eine Geschichte, die durchaus Wünsche schürt und auch erfüllt. Doch große menschliche Entwicklungen sucht man vergebens.

Hoch problematisch ist überdies die Liebesgeschichte. Denn LENA (Ursula Strauss) wird zur Opportunistin gemacht, die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängt. Kaum ist Rudi im KZ, findet sie ihre Liebe zu Victor wieder, dem sie zuvor untreu war. Insofern wirkt das große Gefühl zwischen Victor und Lena, das der Film vorgibt, wenig glaubhaft.

Zusammenfassend bietet also “Mein bester Feind” zwar phasenweise große kinotaugliche Komödienszenen. Doch das zentrale Vergnügen ist eher auf der logisch-rationalen Ebene angesiedelt. Das mitunter behäbige Grundtempo und die Mängel in der zwischenmenschlichen Beziehung verhindern, dass man wirklich tief berührt wird. Insofern sind die Vorzeichen doch eher gemischt.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Die Publikumsresonanz  auf Filme,  die sich mit Ereignissen aus der Zeit des Nationalsozialismus befassen, ist uneinheitlich. Neben Millionenerfolgen wie “Der Untergang” oder “Inglourious Basterds” gab es zuletzt für “Jud Süß – Film ohne Gewissen” nicht mal sechsstellige Besucherzahlen. Dadurch, dass hier mit dem deutschen Star Moritz Bleibtreu derselbe Schauspieler eine Hauptrolle spielte wie in “Mein bester Feind”, wird der neue Film vermutlich ein Stück weit ähnlich wahrgenommen. Eine Nähe zu den Wolf Haas-Krimi-Verfilmungen des Regisseurs Wolfgang Murnberger wie “Der Knochenmann” (2009; 187.000 Zuschauer) oder “Silentium” (2004; 171.000) wird wahrscheinlich weniger stark wahrgenommen. Und der österreichische Schauspieler Georg Friedrich ist zwar in vielen Filmen präsent, aber kein eigenständiger Publikumsmagnet. Da auch von der Vorlage und vom human factor der Geschichte keine wirklich verstärkende Wirkung ausgeht, wird der Markterfolg von “Mein bester Feind” trotz des Starfaktors und der dramaturgischen Reize wohl bescheiden bleiben. Wir erwarten insgesamt am Ende zwischen 25.000 und 40.000 Zuschauer.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 02.09.2011

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