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Filmbesprechung

Meine Schwestern

Buch: Esther Bernstorff; Regie: Lars Kraume

Die filmische Auseiandersetzung mit Themen über Krankheit und Tod und hat im Kino Konjunktur. Während vielerorts das Geschichtenerzählen sich auf soziale Themen beschränkt, wo das WIR (also Leben im Sozialen) im Vordergrund steht, rückt bei der Auseinandersetzung mit Schicksalhaftem, welches von Menschen nicht gesteuert und kontrolliert werden kann, ein ES in den Vordergrund: ein Sich-Unterwerfen-Müssen gegenüber einem höheren Geschick, das wir als ungerecht, aber unverrückbar erleben.

Dabei haben sich im Kino der letzten Jahre verschiedene Tonalitäten und Umgangsformen mit dem Thema ‘Krankheit und Schicksal’, gleichsam unterschiedliche Sub-Genres heraus gebildet. In “Ziemlich beste Freunde” z.B. herrscht ein eher märchenhaft überhöhter Tonfall vor; in “Liebe” im Gegenteil ein Insistieren auf dem Unerbittlichen und Unversöhnlichen;  ”Heute bin ich blond” der Versuch, zu ästhetisieren; in “Halt auf freier Strecke” hingegen dominiert der möglichst unspektakuläre, genaue Blick.

“Meine Schwestern” ist eindeutig  diesem letztgenannten Ideal der unspektakulären Genauigkeit verpflichtet. Der Film folgt dem Schicksal der schwer herzkranken LINDA (Jördis Triebel) und entwickelt dabei den Ehrgeiz, so nah wie möglich am Leben mit seinen kleinen, kaum steuerbaren Unwägbarkeiten zu bleiben. Es gibt wenig Plot, wenig übergeordnete dramaturgische Wendepunkte. Alles erzählerische Material entwickelt sich aus daraus, dass wir von Beginn an wissen: die Zeit, die wir gemeinsam mit Linda durchleben, ist auch ihr Abschied vom Leben. Eine hoch gesteigerte Empathie mit der Hauptfigur ist dadurch garantiert.

“Meine Schwestern” rührt also an die letzten Dinge. Entsprechend stellen sich auch automatisch kategorische Fragen: ‘wie betrachte ich das Leben, wenn ich weiß, dass mir fast keine Zeit mehr bleibt?’ oder ‘Wie ändert sich meine Wahrnehmung im Angesichts des Todes’? Die Antwort auf jede dieser letzten Fragen hat immer auch etwas mit Öffnung zu tun: mit einem Sich-Aufmachen gegenüber all dem, was man im Leben zuvor nicht sehen oder schätzen wollte.

In “Meine Schwestern” kann aber von ‘Sich-Öffnen’ kaum die Rede sein. Eigentlich bleiben die Figuren, in erster Linie natürlich die Hauptfigur samt den titelgebenden Schwestern KATHARINA (Nina Kunzendorf) und CLARA (Lisa Hagmeister) überwiegend in einem Modus des Verschlossenen. So werden z.B. die Eltern der todkranken Linda komplett ausgespart; auch Lindas Ehemann soll gewisse Dinge nicht erfahren. Wirkliche Offenheit unter den Schwestern stellt sich nur selten ein. Die Konfrontation mit dem Tod bewirkt bei niemandem große Wandlungen. Linda selbst drängt zwar ihre Schwestern zu einer letzten Reise (nicht ohne einen Anflug von selbstbezogener Nötigung); sie weicht ihnen aber in den entscheidenden Momenten wieder aus und verbringt einen letzten Egotrip in Paris lieber mit der Streunerin MILDRED (Beatrice Dalle) und stürzt damit ihre Umwelt in große Schwierigkeiten. Konsequenter Weise ist der erste, der Linda fragt: ‘Wie geht es dir’, der Onkel DANIEL (Ernst Stötzner) – aber auch dieses Gespräch bricht sehr bald ab: ‘Lass uns lieber vom Wetter reden’. Ob Linda nun an Gott glaubt oder nicht, bleibt ebenfalls in einem halb ironisch-verschlossenen Nebel des Schweigens.

Entsprechend hat “Meine Schwestern” im Vergleich mit den oben genannten Filmen zwar sicherlich die Chance, ein Publikum zum empathischen Miterleben zu bewegen (angesichts der Prämisse ist das nicht schwer). Doch die echte innere Bewegung der Zuschauer entsteht erst dann, wenn auch die handelnden Figuren sich bewegen lassen. Von echter innerer Bewegung und Berührung im Kontakt mit anderen hat der Film vergleichsweise eher wenig anzubieten. Daher dürfte er sich am Markt auch weit weniger gut durchsetzen als die oben genannten (und auch viele andere nicht genannte) Titel.

München, 14.2.2014

Roland Zag

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