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Filmbesprechung

Nicht mein Tag

Buch: Peter Thorwarth, Stefan Holtz nach dem Roman von Ralf Husmann; Regie: Peter Thorwarth

Die erste und wichtigste Voraussetzung für eine gelungene Komödie besteht im Culture Clash gegensätzlicher Denkmuster und Wertmaßstäbe. Dieser liegt hier  vor. TILL (Axel Stein) ist anfangs ein verklemmter, triebgehemmter Bankangestellter. NAPPO (Moritz Bleibtreu) das komplette Gegenteil. Eine plausibel eingeführte Plot-Wendung schweißt die beiden für einige Zeit zusammen und lässt die Unterschiede massiv aufeinanderprallen. Mit Lustgewinn.

Genauso wichtig aber ist das Entwicklungspotenzial innerhalb der Figuren: auf einer tieferen Schicht sollte auf Drehbuchbasis die Ebene angelegt sein, auf der die Figuren aneinander wachsen oder lernen können. Diese Ebene liegt mindestens in einem Fall vor: Till war mal ein harter Rocker und liebt(e) Heavy Metal, ehe er sich in der Ehe mit MIRIAM gleichsam kastrieren ließ. Im Kontakt mit Nappo bricht die alte Lust am Exzessiven und Aggressiven wieder hervor.

Bei seinem Partner ist die Entwicklung allerdings weniger offensichtlich. Nappo reagiert eigentlich die längste Zeit kaum auf seinen neuen ‘Freund’ und lehnt ihn (zu) lange ab – wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht zwischen den beiden daher leider zu selten. Aber immerhin ist Nappo am Ende bereit, über seinen Schatten zu springen und dem neuen Freund massiv (und unter blutiger Selbstverstümmelung) beizustehen – was die Nachteile vielleicht aufwiegen mag.

Allerdings wird man irgendwann in der Figurenentwicklung in “Nicht mein Tag” von ‘wachsen’ nicht mehr sprechen können. Eher handelt es sich um einen Vorgang der Regression, der im Falle von Till die übertrieben erwachsene Figur zum pubertierenden Pöbler und Schläger werden lässt. Das muss nicht jedermanns Geschmack sein. Nun hat die “Hangover”-Trilogie bewiesen, wie groß in einer bestimmten Publikumsschicht die Lust an solchen Exzessen sein kann. Aus Sicht einer alltäglichen Realität, in der für Normalmenschen nur extrem enge Spielräume für freie Selbstverwirklichung existieren, ist diese Lust, zuzuschauen, wie andere hemmungslos ‘die Sau rauslassen’, nur zu verständlich. In diese Kerbe schlägt also “Nicht mein Tag” – und er tut es konsequent. Freilich zeigt gerade der Blick zu “Hangover”, um wieviel mehr Gemeinschaftsgefühl und Treue zu sich selbst selbst in diesem Setting möglich ist! Dieses Niveau an skurril menschlicher Wärme erreicht “Nicht mein Tag” leider nicht.

Eine dritte Grundvoraussetzung für die gelungene Komödie, nämlich die Verwechslung bzw. das Mißverständnis, wird hier wiederum im Sinne der Figurenentwicklung konstruktiv benutzt: wenn nämlich Till glauben muss, dass seine Frau ihn betrügt (was nicht der Fall ist). Dieses Mißverständnis ist dramaturgisch nicht willkürlich gesetzt, sondern hilft der  Enthemmung eines Mannes, der lernen muss, seine Aggression wahrzunehmen und unter Kontrolle zu kriegen. Ganz am Ende, nach einem schwer zu toppenden Wandlungsprozess, mag man Till diese Wandlung (mit viel gutem Willen) vielleicht sogar abnehmen. (Wobei man sich fragt: welche innere Schicht macht denn nun den ‘wahren’ Till aus? Wer ist er wirklich? Eine wirkliche Treue zu sich selbst fehlt dann leider wieder…)

Was viertens der Komödie natürlich gut tut, ist ein abwechslungsreicher, reich instrumentierter Plot. Auch dieser liegt vor: mit den obligatorischen osteuropäischen Mafiosi, schrägen Autohändlern, knalligen Gangsterbräuten, Geld, Drogen, Action und dem üblichen Zubehör.

Fünftens aber hält “Nicht mein Tag” eisern an den tradierten Vorstellungen von Liebe, Treue usw. fest – auch wenn man bemängeln kann, dass zwischenzeitlich Tills Liebe zu Frau und Kind völlig verschwinden. Im Sog eines actiongetriebenen Roadmovie aber werden solche Bindungen zweitrangig. Im Vordergrund  steht die zunehmende Lust an der Überschreitung und Enthemmung.

All das folgt einem konsequent verfolgten erzählerischen, genre-immanenten, wenn auch eher mechanistisch verfolgten Ziel: “Nicht mein Tag” ist in etwa der Film, der er werden wollte. Allerdings fehlt ihm das gewisse Etwas an Wärme und Nähe, welches solche Filme, wenn sie noch erfolgreicher werden wollen, unbedingt benötigen. Insofern macht “Nicht mein Tag”, technisch gesehen, vieles richtig. Menschlich gesehen, erreicht er die “Hangover”-Vorbilder nicht. Es mag daher Zuschauer geben, die sagen: “Nicht mein Film”. Doch dem vermutlich großen Publikum, das Spaß an der Regression und puren Aggression hat, wird hier ein dramaturgisch und inszenatorisch professionell hergestelltes Genreteil geliefert. Die Marktaussichten sind dementsprechend nicht himmelstürmend, aber dem Gewollten vermutlich adäquat.

München, 24.1.2014

Roland Zag

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