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Filmbesprechung

Oh Boy

Buch und Regie: Jan Ole Gerster

Wer erfahren will, was der Terminus ‘character-driven’ im filmischen Erzählen meint, der kann das in “Oh Boy” studieren. Denn “Oh Boy” beschreibt nicht viel mehr als einen Charakter, eine Figur, eine HALTUNG zur Welt. Dieser NIKO (Tom Schillings) repräsentiert einen ganz bestimmten Gestus, der in diesem Film quer zu den Leuten um ihn herum steht. Niko kann sich für alles interessieren, er kann überall mitgehen und für einen bestimmten Zeitrahmen den Menschen um sich her das Gefühl des Miteinanders geben. Aber am Ende des Tages steigt er auf niemanden und nichts so richtig ein.

Niko ist weit davon entfernt, ein Kontaktverweigerer zu sein. Das unterscheidet ihn von vielen (weniger attraktiven) Figuren des deutschen Arthouse-Kinos und sichert dem Film ein bestimmtes Niveau des ‘human factor’ – obwohl Niko zu wirklicher Loyalität erst ganz am Schluss fähig ist. Er geht zwar auf jedes Gegenüber ein – aber irgendwann bricht in ihm das Interesse ab. Und damit beginnt sein (tragikomisches) Drama. Indem Niko hier augenscheinlich einen Defekt hat, der ihm selbst das Leben schwer macht, darf man von Benachteiligung (mit der Konsequenz des Mitgefühls des Zuschauers) ruhig sprechen.

Das Konfliktfeld, der Antagonismus des Films liegt im Clash zwischen Niko’ freundlich-indifferentem Charakter und den übergriffigen, selbstbezogenen Personen, denen er begegnet. Einen Plot im eigentlichen Sinn hat der Film nicht – doch an dessen Stelle steht die konsequente Ausformulierung und Steigerung immer desselben Prinzips. Das Mißverständnis zwischen dem nachgiebigen Protagonisten und den egomanischen Begegnungen verleiht dem Film die eigentümliche, aber immer streng demselben Prinzip folgende Komik. Niko’ Dilemma – die Hilflosigkeit gegenüber einer übergriffigen Umwelt – hat eine universelle Dimension. Jeder kennt die Situationen, in die er gerät. Insofern ist eine gewisse Universalität gegeben.

In “Oh Boy” folgt also annähernd jede Szene demselben Muster: Niko begegnet Menschen, die manisch auf sich selbst bezogen sind. Früher oder später erleben sie alle die Enttäuschung, dass Niko sich ihnen subtil entzieht. Dank seiner gleichbleibend freundlichen, aber indifferenten Haltung fehlt ihm die Fähigkeit zur Abgrenzung. Und das führt in lauter kleine Desaster, in denen er meistens den Kürzeren zieht.

Das beginnt mit dem selbstherrlich-perfiden Sozialpsychologen (Andreas Schröders), der ihm den Führerschein verweigert, geht über den einsamen Nachbarn (Justus v.Dohnanyi), den selbstbezogenen Vater (Ulrich Noethen) oder auch den autistischen Freund MATZE (Marc Husemann), den Nazi-Schauspieler (Robert Hofmann) bis hin zur eigentlich zentralen Beziehung des Films: die zur alten Jugendfreundin JULIKA (Friederike Kempter). Wobei man sich unter dieser Begegnung nichts allzu Intensives vorstellen darf. Dennoch kulminiert hier das Prinzip des Films und Niko’ Dilemmas: der Liebesakt, der sich hier in kurzer Zeit vorzubereiten scheint, gerät zum Mißverständnis. Niko will gar keinen Sex mit Julika, artikuliert das aber – wie immer – viel zu spät. Die Enttäuschung ist gewaltig, und Niko verlässt die Szenerie wie ein begossener Pudel.

Dabei ist dramaturgische Struktur konventioneller und regelkonformer, als man das auf den ersten Blick meinen möchte. Denn durch die frühe Begegnung mit Julika samt dem “äußeren Ziel” der Wiederbegegnung am selben Abend wird der Film kaum merklich unter Spannung gesetzt. Die dramaturgische Frage des zweiten Akts lautet (wenn auch nahezu unhörbar): “Wird es Niko gelingen, mit Julika in Kontakt zu kommen?” Diese Frage wird vergleichsweise spektakulär mit “Nein” beantwortet – und damit endet der zweite Akt.

Auf dem Weg dieser milden Desillusionierung streift der Film wie unabsichtlich dann doch bewusst sehr ernste Themen: den Brustkrebs der Nachbarin, das Nazi-Debakel Deutschlands, die persönliche Dramatik eines einsamen übergewichtigen Mädchens. Die emotionalen Ausschläge nach unten werden systematisch größer – und kulminieren in der letzten großen Begegnung mit FRIEDRICH (Michael Gwisdek), einem alten Trinker. Die Begegnung mit ihm markiert den dritten Akt, der nach einem kathartischen Tiefpunkt den Weg in eine neue Dimension aufmacht.

Der negative Ausschlag dieser Begegnung ist am größten – denn Friedrich stirbt. Und dieser Tod führt in Niko zu einem subtilen Wendepunkt – und einem dritten Akt. Denn indem er dem sterbenden Friedrich ins Krankenhaus folgt, entwickelt er zum ersten mal im Film so etwas wie ein verantwortliches Handeln. Ganz ohne dass man es merkt, vollzieht sich hier doch eine Wandlung hin zu einem Minimum an eigenständiger Initiative für andere.  Obwohl man Niko eigentlich für nicht wandelbar einschätzen würde, durchläuft die Figur dann doch eine Transformation. Die schier unsichtbare Art und Weise, wie hier ein dramaturgisches Prinzip doch bestätigt wird, spricht für die Geschlossenheit des Ansatzes. Die Begegnung mit dem Tod scheint in ihm etwas in Bewegung gebracht zu haben – wie subtil auch immer.

“Oh Boy” ist also raffinierter gebaut, als es die scheinbar absichtslose Reihung vorgibt. Der Film hat ein inneres Prinzip. Dem folgt er mit einer Entschiedenheit, die ihn aus dem großen Angebot ähnlich gelagerter Erstlingsfilme weit heraus hebt und eine vergleichsweise starke Performance sichert.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Es ist jetzt schon zu spät, dem Film eine vergleichsweise für dieses Marktsegment starke Karriere vorherzusagen – denn “Oh Boy” ist eine kleine Arthouse-Sensation. Dennoch gibt es – neben der gelungen Dramaturgie – noch andere Faktoren, die dazu beitragen: wie etwa den doch hohen Anteil wirklich prominenter Schauspieler, die hier alle Bestleistungen abgeben; oder auch die stilistisch sehr sichere Schwarz/Weiß-Dramaturgie. So zeigt sich, dass durch eine konsequente Dramaturgie auch ohne große aufgesetzte Highlights ein künstlerisch, aber auch emotional menschlich starkes Kino möglich ist – und sich am Markt auch behaupten kann. “Oh Boy” wird aus unserer Sicht ziemlich sicher die Marke von 100.000 Zuschauern weit überspringen und noch eine relativ lange Laufzeit erreichen.

München, 20.11.2012 Roland Zag

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