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Filmbesprechung

Omamamia

Buch: Gabriela Sperl, Jane Ainscough; Regie: Tomy Wigand

Der Film verfolgt zwei Handlungsfäden. Auf der einen Seite steht die Auseinandersetzung der OMA MARGUERITA (Marianne Sägebrecht) mit ihrer kontrollsüchtigen Tochter  MARIE (Annette Frier). Die Tochter glaubt immer zu wissen, was gut für die Oma ist – während wir Zuschauer ganz klar sehen, dass das nicht stimmt. Denn Omas Wunsch, nach Rom zu fahren und eine Audienz beim Papst zu erhalten, ist keine Marotte. Oma meint es ernst und fährt zur Not auch auf eigene Faust zu ihrer Enkelin MARTINA (Miriam Stein), die in Rom mit einem Rockmusiker (wenn auch nur vorübergehend) glücklich ist. Auch die Enkelin hat ihre liebe Not mit der Übergriffigkeit der Mutter. So machen Oma und Martina gemeinsame Sache – bis Marie überraschend in der ewigen Stadt ankommt und sich das Familiendrama vertieft, wobei die genreüblichen Geheimnisse gelüftet werden (aber der Film an Tempo verliert).

Dieser Handlungsstrang ist plausibel. Maries Kontrollsucht wird kohärent beschrieben und gegen Ende auf überzeugende Art und Weise einer Wandlung unterzogen, sodass schlussendlich die drei Frauen ein schönes Gefühl der Gemeinschaft herstellen können.

Anders steht es um den anderen Handlungsstrang. Hier steht der schlitzohrige Römer LORENZO (Giancarlo Giannini) samt Neffe SILVIO (Raz Degan) im Mittelpunkt.

Dieser Erzählstrang leidet grundsätzlich darunter, dass Oma Marguerita eigentlich in Rom gar keine natürlichen Probleme hat. Die Enkelin ist sehr nett zu ihr; mit der Hektik der Stadt hat die rüstige Dame keine Schwierigkeiten, im Gegenteil, sie genießt ihre Freiheit und ihren schnell gefundenen Job als erfolgreiche Köchin, und alle Römer reden zufällig mehr oder weniger gut Deutsch (!!). Eigentlich ist der Film rein dramaturgisch bereits nach einer halben Stunde zu Ende – denn Omas Probleme scheinen gelöst.

Entsprechend schwer tut sich die Dramaturgie dabei, nun mit Lorenzo und Silvio ständig neue Konflikte zu generieren, die im Grunde mit Omas zentralem Thema (Unabhängigkeit von der Tochter) wenig zu tun haben. Es ist zwar einleuchtend, dass ein Film Konflikte braucht – aber im Falle von “Omamamia” wollen sich die ständigen Reibereien in keinen schlüssigen Zusammenhang fügen. Da stellen sich dann Fragen der rationalen Logik ein: warum setzt ein Mann wie Lorenzo Himmel und Hölle in Bewegung, um den Papst zu treffen – wenn das Ganze nur auf einer Wette beruht?! Mit WEM wurde diese Wette denn eingegangen? Was hat eigentlich Onkel Lorenzo genau mit seinem Neffen Silvio zu tun? Unklar auch, von wem Oma am Ende den Auftrag erhält, für den Vatikan Kaiserschmarrn herzustellen? – usw.

Weit gravierender aber sind die Fragen der emotionalen Logik: warum behandelt die Oma den schicken Lorenzo so krätzig, obwohl er sie nach ihrem unfreiwilligen Papst-Attentat vor der Verhaftung bewahrt hat? Warum verachtet Neffe Silvio die deutsche Küche so, während er doch seine im Koma liegende Mama, eine Deutsche, so zärtlich liebt? Warum sollen wir Zuschauer glauben, dass hier so etwas wie eine späte Liebesgeschichte entstehen soll – wo es doch kaum einen einzigen Moment von Zärtlichkeit, Gegenseitigkeit oder Austausch zwischen Marguerita und Lorenzo gibt? Und warum bleibt Oma am Ende nicht in Rom, wo sie als Köchin gefeiert wird, während sie in Bayern mit ihrem neu gefundenen Italiener vor einem völlig ungewissen Neubeginn steht?

Das Drehbuch hat seine liebe Not damit, uns eine Gefühlsebene vor Augen zu führen, die die Verbindung zwischen Marguerita und Lorenzo plausibel macht. Denn genau genommen liegen diese beiden Figuren von Beginn an nur im Clinch. Insofern wird es schwer, die Liebe zwischen Oma und ihrem neuen Lover zu glauben. Es leuchtet zwar ein, dass man bemüht war, ständig neue Konflikte zu schaffen (weil ja Omas eigentliches Drama gar keins ist…). Aber im Fall einer emotionalen Bindung wird dies zum Widerspruch in sich, denn jetzt wird so ein Klima beständigen Gegeneinanders geschaffen – wo doch emotional genau das Gegenteil erreicht werden sollte.

So hinterlässt “Omamamia” am Ende doch ausgesprochen gemischte Gefühle – was für ein Projekt dieser Größenordnung und mit diesem Zielpublikum problematisch werden könnte.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Die entscheidende Größe für dieses Projekt ist die Hauptdarstellerin Marianne Sägebrecht. Seit “Out of Rosenheim” hat sie einem breiten Zielpublikum bewiesen, dass sie Culture-Clash-Komödien durch ihre einzigartige Präsenz, Verletzlichkeit und Ehrlichkeit mit einer ganz besonderen Qualität aufzuladen versteht. Das ist auch hier nicht anders: der Star des Films hält, was er verspricht. Die Präsenz der Hauptdarstellerin ist nach wie vor ein großes Plus.

Neben der Hauptdarstellerin ist der Drehort Rom auch nach “Wer’s glaubt wird selig” oder “To Rome with Love” unverwüstlich. Die Attraktivität der ewigen Stadt und des Themas “Vatikan” wird geschickt eingefangen. Schließlich kam ja auch in “Maria ihm schmeckt’s nicht” der Culture Clash zwischen Deutschland und Italien sehr kraftvoll zur Geltung.

Insofern hat “Omamamia” theoretisch sehr solide Aussichten am Markt. Sie werden aber dadurch getrübt, dass die emotionalen und dramaturgischen Defizite nicht leicht übersehen werden dürften. Die Mundpropaganda, die ein solches Projekt unbedingt braucht, wird sich aufgrund der in sich widersprüchlichen emotionalen Logik gerade beim Zielpublikum schwer einstellen.

Man muss sich also nun entscheiden, mit welchen Projekten man den Film vergleichen will. Dabei scheint “Maria ihm schmeckt’s nicht” (weit über eine Million Zuschauer) unerreichbar – einmal, weil die Story in sich dort ungleich besser funktionierte, und zum anderen, weil eine populäre Vorlage vorhanden war.

“Wer’s glaubt, wird selig” (im Augenblick zwischen 300.000 und 400.000) kann hier schon eher als Vergleich herhalten. Doch auch dort lag die soziale Relevanz ungleich höher als in “Omamamia”, wo es – genau genommen – um nicht viel geht. Insofern muss man die Prognose nochmals herabschrauben.

Aus unserer Sicht kann daher der neue Marianne-Sägebrecht-Film dank des Stars und eines dankbaren Zielpublikums gegenwärtig in etwa eine Schwelle von maximal bis zu 200.000 Zuschauern erreichen – mehr aber vermutlich leider nicht.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag


München, 5.11.2012

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