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Filmbesprechung

Ostwind

Buch: Lea Schmidbauer, Christina-Magdalena Henn
Regie: Katja v. Garnier


Die emotionale Qualität eines Films hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: der Intensität der Beziehung und der Klarheit des Konfliktfelds. In beiden Kategorien erreicht “Ostwind” Erstaunliches – und schafft so beste Voraussetzungen, um im Genre “Kinder-und Jugendfilm” Maßstäbe zu setzen.

Was die zentrale Beziehung angeht, so besteht sie in erster Linie zwischen MIKA (Hanna Höppner) und dem Pferd OSTWIND. Diese Beziehung wird umstandslos gesetzt und nie in Frage gestellt: nach der ersten Nacht, die das Mädchen bei dem Tier im Stall verbringt, ist klar, dass es sich hier um eine besonders intensive, geradezu traumwandlerische Form von Nähe und Gemeinschaft handelt. Neben dieser zentralen Achse werden noch SAMUEL (Marvin Linke) und dessen GROSSVATER (Tilo Prückner) entscheidend wichtig. Auch diese Verbindungen sind schnell geknüpft und bleiben ohne größere Krisen bis zum Schluss erhalten. Eine besonders intensive Qualität der Beziehung entsteht durch das gemeinsame LERNEN (was immer wirkungsvoll ist!): als Mika zur Reiterin ausgebildet wird, geht das nicht nur sehr schnell, sondern auch ungewöhnlich gut. Wichtig sind hier die Erklärungen von Samuels Großvater, die allesamt nicht nur für den Umgang mit Pferden, sondern für das Zusammenleben allgemein von Gültigkeit und damit auch großer emotionaler Wirkung sind.

An diesem Punkt allerdings droht der Film dann in die Konfliktarmut abzugleiten. Denn es ist ja gerade der Konflikt, der Beziehungen auf die Probe und deren Qualität durch die Bewährungsprobe erst unter Beweis stellt. Doch was lange Zeit nach einem arg harmlosen Durchmarsch aussah, dreht etwa ab der Mitte des Films (während des ersten Turniers) in die fast melodramatische Richtung: Ostwinds Ritt wird bösartig manipuliert, das Pferd verletzt nicht nur Mika, sondern auch Samuel am Kopf. Daher droht die endgültige Abschiebung des hoch begabten Tieres zum Schlachter. Für Mika – und auch den Zuschauer – ist dies eine unerträgliche Vorstellung, die noch durch weitere dramatische Akzente erschwert wird. Insofern liefert der zweite Teil des Films fast im Übermaß jene Tiefpunkte und Krisen (Mika flieht mit Ostwind ans Meer, wird von der Polizei verfolgt, kommt ins Krankenhaus und scheint am Ende komplett gescheitert zu sein), die im ersten Teil eher fehlten.

Unterm Strich aber weist “Ostwind” damit genau die Qualitäten auf, die es braucht, um speziell diese Zielgruppe zu erreichen und zu berühren. Im deutschen Kino ist schon lang kein Film mehr so direkt und ohne Umschweife auf die großen Gefühle losgegangen – und das mit Erfolg. “Ostwind” hat gute Voraussetzungen, hier Maßstäbe zu setzen, weil man sich in ungewöhnlicher Dichte und mit dem Mut zum großen Märchen an den Beziehungen (und nicht am Plot!) orientiert hat. Es wäre erstaunlich, wenn sich das nicht in wirklich starken Zahlen am Kinomarkt niederschlagen würde  - womit wieder einmal die Wirkungsmacht des ‘human factor’ unter Beweis gestellt wäre, der hier, wie nicht selten, gerade im Umgang mit TIEREN seine intensivsten Spuren hinterlässt.

München, 23.3.2013

Roland Zag

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