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Filmbesprechung

Paradies: Glaube

Buch: Veronika Franz, Ulrich Seidl; Regie: Ulrich Seidl

Eine der zentralen Voraussetzungen für starkes, wirkungsvolles Kino ist die klare HALTUNG der Protagonisten. Je eindeutiger sich die Wertewelt der Figuren erschließt, desto besser fürs Publikum. Diesbezüglich hat “Paradies: Glaube” sehr gute Karten. MARIA (Maria Hofstätter) ist an radikaler christlich-katholischer Überzeugung kaum zu überbieten. Darin streift sie mitunter schon die Grenze zur Parodie.

Die Haltung der Protagonistin ist also klar. Der missionarische Eifer zeigt sich in mehreren quasi dokumentarisch gedrehten Begegnungen mit Menschen, die sie mit unterschiedlichen Erfolgen zu bekehren versucht. In diesen Szenen liegt viel (auch komisches) Potenzial – wirklich handlungsrelevant, also weiter führend sind sie aber nicht.

Der zentrale Konflikt des Films zeigt sich an anderer Stelle – und hat eigentlich mit Marias Glauben gar nicht so viel zu tun.  Ihre Krise erlebt sie mit ihrem Ehemann NABIL (Nabil Saleh). Er ist zwar Muslim, doch der religiöse Aspekt spielt für die Probleme des Paars gar keine Rolle. Entscheidender ist Salehs Umgang mit seiner schweren Behinderung, die er sich nach einem Unfall zugezogen hat. Der Mann tendiert dazu, sein Schicksal zu beklagen und sich hängen zu lassen. Maria fordert hingegen, Saleh möge den Unfall als Zeichen göttlicher Gnade annehmen und den Sinn darin erkennen.

In dieser Auseinandersetzung (die man auch als Nicht-Katholik und Nicht-Muslim identisch führen kann) kommt das Ehepaar nicht weiter. Die Konflikte eskalieren, und auch Jesus bietet keine Hilfe mehr an. Irgendwann gerät Maria an ihre Grenzen. Aus der überströmenden Liebe zu Jesus Christus ist Frustration und Hass geworden. Dennoch lässt sich nicht sagen, dass Ehestress und religiöse Krise viel mit einander zu tun haben. Das eine läuft in etwa parallel zum Andern ab, kreuzt sich jedoch kaum.

Am Höhepunkt der Krise bricht der Film dann ab (als handele es sich um einen Lehrfilm, der Entstehung und Klimax einer ganz gewissen Problematik vor Augen führen will). Eine Katharsis ist hier nicht angestrebt, auch schwer vorstellbar. Damit gehört “Paradies: Glaube” zu einem nicht-lösungsorientierten Erzählen, das bestimmte Extremformen von menschlichem Dasein gewissermaßen mit wissenschaftlicher Genauigkeit vorführt, untersucht, aber unkommentiert stehen lässt. Bekanntlich hat sich aus dieser Haltung eine ganze Schule des Arthouse-Erzählens, also auch ein bestimmtes Publikum mit bestimmten Erwartungen geformt. Diesen Erwartungen wird der Film in etwa gerecht.

Doch auch innerhalb des Universums der Filme von Ulrich Seidl muss der Umstand zu denken geben, dass der zentrale Konflikt  mit der zentralen Haltung der Hauptfigur kaum verbunden ist. Es wäre kein Wunder, wenn dieser dramaturgische Nachteil dem Film nicht doch am Markt Schaden zufügt. Man kann damit rechnen, dass “Paradies:Glaube” unter den relativ starken Zahlen von “Paradies: Liebe” bleibt.

München, 2.4.2013

Roland Zag

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