aktuelle

Filmbesprechung

Schlafkrankheit

Buch und Regie: Ulrich Köhler

Afrika ist im filmischen Erzählen so präsent, dass man beinahe vom Genre des “Afrikafilms” sprechen möchte. Innerhalb dessen erreicht “Schlafkrankheit” durchaus Eigenständigkeit. Die Erzählhaltung setzt sich dem Rätselhaften, A-Logischen, Unerklärlichen, das diesen Kontinent umgibt, ganz direkt aus. Vieles bleibt undeutlich, vieles erschließt sich nur indirekt. Das erschwert die Aufnahme, sichert dem Film aber eine künstlerische Autonomie, die bei einem interessierten Publikum durchaus geschätzt werden könnte.

 Das Thema “Zugehörigkeit” wird hier auf einem übergeordneten Niveau behandelt. EBBO (Pierre Bokma) will eigentlich gemeinsam mit Frau und Kind zurück nach Deutschland. Erst viel später wird man erkennen, dass ihm dieser Weg zurück nicht gelungen ist – er hat den Absprung von Afrika nicht geschafft, ist geblieben und hat eine neue Familie gegründet, in der er sich jedoch nicht wirklich zu integrieren vermag. Die Attraktion des Kontinents, des Lebensgefühls war also stärker als die Loyalität zur Familie (was emotional zunächst eine Enttäuschung ist).

 Doch auch sein Gegenspieler ALEX (Jean-Christophe Folly) hat das Zugehörigkeitsproblem, dass er in dem Territorium, aus dem seine Vorfahren stammen, nicht mehr zurecht kommt.  Seine Mentalität ist europäisiert, er kann die Codes der Afrikaner nicht mehr entziffern. In seiner Person wird der Culture Clash also nochmals verstärkt und intensiviert.

 Insofern entwickelt “Schlafkrankheit” grundsätzlich durchaus eine starke Spannung, die den Film trotz aller eigenwilligen dramaturgischen Ausfransungen gut trägt.

 Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass weder Ebbo noch Alex jemals eine wirkliche Beziehung eingehen. Menschliche Nähe bleibt eigentlich ausgespart, die meisten Szenen handeln von Egomanen, die irgendwie auf ihren eigenen Vorteil achten. Letztlich entwirft “Schlafkrankheit” einen aseptischen Raum, in dem die Figuren einsam bleiben und wir als Zuschauer nur aus der Distanz beobachten können. Dadurch bleibt das Spannungspotenzial auch ein Stück weit ungenutzt.

 Selbstverständlich ist genau diese Distanz auch künstlerisch beabsichtigt, insofern muss man diese Feststellungen nicht wertend verstehen. Auf den Publikumszuspruch wird sich diese jedoch sicher einschränkend auswirken.

 Verstörend mag auch wirken, dass “Schlafkrankheit” sich über die gesamte Länge des Films hinweg allen einfachen Pointen und Plot Points verweigert – im Schlussbild jedoch eine relativ platte erzählerische Gleichung aufmacht, in der sich das Geschehen mit einem Schlag auf eine simple Metapher reduziert.

Vielleicht hat auch dieser erzählerische Trick dazu geführt, dass der Film selbst unter Freunden der spröden “Berliner Schule” nicht nur Freunde gefunden hat. Insofern sitzt “Schlafkrankheit” am Markt ein wenig zwischen den Stühlen – nicht mehr nur noch “Arthouse” und noch lange nicht publikumsfreundlich.

 Dennoch hat der Film theoretisch das Potenzial, am Markt über die üblicherweise sehr publikumsschwachen Filme der Kollegen Hochhäusler, Heisenberg, Arslan, Schanelec usw. (alle knapp unter oder über 10.000 Zuschauer) hinauszukommen. Auch “Sehnsucht” von Valeska Griesebach kam aufgrund eines stärkeren ‘human factor’ auf annähernd 30.000 Besucher. Angesichts der starken Thematik und der insgesamt geschlossenen künstlerischen Qualität könnte “Schlafkrankheit” nach unserer Schätzung ebenfalls ganz leicht über den Vergleichsfilmen liegen. Wir halten es für  wahrscheinlich, dass der neue Film von Ulrich Köhler am Ende (stark witterungsbedingt) zwischen 15.000 und 20.000 Zuschauer erreicht.

Roland Zag/Norbert Maaß

München/ Berlin 27.6.2011

Bildunterschrift