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Filmbesprechung

SCHROTTEN

Buch: Johanna Pfaff, Oliver Keidel, Max Zähle; Regie: Max Zähle


Das Kino liebt die besonderen Orte. „Schrotten“ entführt uns in eine vom Aussterben bedrohte und visuell ergiebige Welt: die der Schrotthändler, die heute vom Recycling-Gedanken häufig zum Aufgeben gezwungen werden. Die Bilder, die der Film dort auffindet, sind auf jeden Fall sehr besonders. Gerade im Kontrast zu unserer Hochglanz-Welt wirkt der Geist der permanenten Improvisation am Rande der Legalität erfrischend und pittoresk.

Der Film von Max Zähle begnügt sich jedoch nicht nur mit einer bestimmten visuellen Welt. Es geht ihm vor allem auch um eine bestimmte soziale Situation, die in „Schrotten“ sehr prominent im Vordergrund steht: kaum je begegnet man im Kino einem solch geballten Gemeinschaftsgefühl wie hier. Die allermeisten Szenen spielen in der Community, der Familie, dem Clan. Das Zusammenhalten steht weit mehr im Vordergrund als etwa im diesbezüglich vergleichbaren „Die Kommune“. Dies verleiht „Schrotten“ eine große Warmherzigkeit. Auch der Verzicht auf allzu viel Action oder gar eine allzu naheliegende Liebesromanze, die nur abgedroschen wirken würde, nimmt für den Film ein.

Insofern beginnt der Film als lupenreine Zugehörigkeitsgeschichte. MIRKO (Lukas Gregorowicz) will als Versicherungsvertreter nichts mehr mit seinem Clan zu tun haben – wird aber gegen seinen Willen wieder in die alte Welt zurück gerissen. Dies wird einerseits ganz klassisch  erzählt. Denn der Culture Clash könnte nicht größer sein. Der glatt polierte Versicherungsvertreter in einer Welt voll Schmutz und Abfall – die komische Wirkung dieser Bilder ist enorm.

Andererseits ist zu beobachten, dass es für Mirko NICHTS gibt, was ihn an der alten Welt der Versicherungen hält (mit Ausnahme des Geldes, das er seinem Chef schuldet). Er wird als Mensch ohne soziale Bindungen geschildert. Und daher dauert es nicht lang, bis er wieder voll und ganz Teil der alten Familie geworden ist. Insofern hat sich sein emotionales ‚Need’ schon sehr bald erfüllt: wenn man davon ausgeht, dass es Mirko unbewusst darum gegangen ist, wieder in Kontakt mit seiner alten Welt zu kommen, dann hat sich dies schon mit Beginn des 2.Aktes erledigt. 

Unter dieser sehr schnellen Erfüllung des emotionalen Themas leidet „Schrotten“ im weiteren Verlauf. Denn es gibt zwar ein ‚Want’, also ein Ziel. Aber dieses Ziel hat einzig und allein mit Geld zu tun. Letztlich arbeitet sich der Plot des Films lang daran ab, den zwielichtigen, aber nicht wirklich lebensbedrohenden Konkurrenten KERCHER (Jan-Gregor Kremp) außer Gefecht zu setzen. Die viel wichtigere emotionale Geschichte der Hauptfigur aber ist ebenso sehr früh schon ad acta gelegt wie die eigentlich viel wichtigere Frage, wie Schrotthändler in einer heutigen Welt des Recycling-Gedankens überleben können.

Dies zwingt den Plot zu einigen Verrenkungen. So fragt man sich, wie die scheinbar moralisch so integre Familie der Talhammers es vor sich selbst rechtfertigt, einen satten Raubzug zu begehen: einerseits wird die Ethik hoch gehalten, andererseits aber skrupellos geklaut.

Doch selbst wenn man sich auf diesen Gedanken einlässt, bleibt die Frage offen, wie man einen Eisenbahnwaggon mit 40 Tonnen Kupfer über längere Zeit im Wald vor den Ermittlern verstecken will. Oder wie man mitten in der Altstadt von Celle ohne erwischt zu werden eine komplizierte Bronze-Skulptur absägt.

Und erst recht wird es schwierig, wenn die Familie, nachdem sie den ganzen Film hindurch für den Verbleib auf ihrem Schrottplatz gekämpft hat,  dann am Ende fröhlich gen Süden zieht. Letztlich haben die Talhammers den Kampf, um den es eigentlich gegangen wäre, ja doch verloren. All das vermittelt sich dem Publikum zumindest unbewusst.

Man kann nun als Zuschauer über all diese Schwächen hinweg schauen, denn sympathisch und unterhaltsam ist „Schrotten“ dank des überbordenden Gemeinschaftsfaktors, der auch von den Schauspielern mit getragen wird, allemal. Aber der Kinomarkt ist gnadenlos. Hier werden alle Schwächen sofort offenbar. Insofern hat der Film am Ende wohl doch kaum die Durchsetzungsfähigkeit, um sich wirklich bemerkbar zu machen. „Schrotten“ hätte bei einer konsequenteren Konzentration auf die emotionale Reise der Hauptfigur oder die eigentlichen Konflikte der Branche eine starke Figur machen können. Unter den gegebenen Umständen dagegen ist zu befürchten, dass die Nachhaltigkeit des Films zu wünschen übrig lassen wird.

München, 11.5.2016

 

Roland Zag  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Quelle: Moviepilot