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Filmbesprechung

Schutzengel

Buch: Stephen Butchard, Til Schweiger; Regie: Til Schweiger

Der Film verfolgt erkennbar die Absicht, Spielmuster des amerikanischen Action-Kinos auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Das zieht zwangsläufig Folgen nach sich: denn natürlich sind die politischen, juristischen und geografischen  Verhältnisse in unserem Land völlig anders als in den USA – weshalb in “Schutzengel” vieles unwahrscheinlich oder unplausibel wirken muss. Im dicht besiedelten Deutschland haben gewalttätige Kugelhagel eben einen völlig anderen Stellenwert und andere Wahrscheinlichkeitsraten als im  amerikanischen Mittelwesten. Von daher muss man auf der rationalen Ebene einige Augen zudrücken: “realistisch” ist hier vieles nicht (vor allem nicht die arg wundersame Rettung des Helden aus höchster Not kurz vor Schluss). Auf dieser Ebene bekam “Schutzengel” von Seiten der Kritik auch eine Menge Häme ab. Sie vergisst, dass Unwahrscheinlichkeiten auch  bei prominenten amerikanischen Vorbildern oft zu finden sind.

Zum Andern arbeitet sich “Schutzengel” an einer Doppelmoral ab, die aber auch wieder für  Action-Filme allgemein prägend ist: denn einerseits wird Gewalt problematisiert, und im selben Atemzug verherrlicht. Wem dies nicht gefällt, der ist fürs Action-Kino generell nicht geschaffen.

Man muss also zwei generelle Einwände schlucken, wenn man sich auf den Film einlassen will. Allerdings zeigt sich, dass auf der rein emotionalen Wirkungsebene solche Mängel in der Regel marginal sind. Wichtig für die Wirkung eines auf Unterhaltung und Action getrimmten Films ist gerade hier vor allem die dramaturgische Aufbereitung zwischenmenschlicher Verhältnisse.

Und auf dieser Ebene wird man “Schutzengel” kaum Vorwürfe machen können. So unplausibel vieles auf der rationalen Ebene wirkt, so effektvoll wurden die zentralen Register der Emotionalität gezogen. Zunächst einmal wird ein Fall aufgebaut, der an sozialer Relevanz kaum zu überbieten ist: der Mord an einem Berliner Hoteljungen wird zur Staatsaffaire, die die ganze Welt beschäftigt. Zudem ist der skrupellose BACKER (Heiner Lauterbach) eine geachtete Figur, die laut Drehbuch bis in die obersten Ränge der Politik hinein verfilzt  ist (was dem angeblich so biederen Deutschland den aufregenden Geruch der Staatskorruption verleiht). All das steigert die Wirksamkeit: denn die Flucht, in die MAX (Til Schweiger) und NINA (Luna Schweiger) getrieben werden, beschäftigt wirklich die ganze Republik.

Wichtiger aber noch ist die stetig wachsende Nähe zwischen Beschützer und Beschützter. Nina und Max wachsen zusammen. Geben und Nehmen nähern sich Maximalwerten: während Max Nina mehr als einmal das Leben rettet, so ist sie maßgeblich daran beteiligt, dass er wieder Kontakt zu SARAH (Karoline Schuch) findet und sich – jedenfalls theoretisch – innerlich öffnen, also wieder Mensch werden kann. Gerade der Blick auf die Innenwelt eines “Kriegers” wird vom Drehbuch sehr betont, was den Film auch für ein weibliches Publikum attraktiver machen kann.”Schutzengel” nimmt sich viel Zeit für die Szenen zwischen Max und Nina (was durch die medienwirksame Tatsache, dass hier Vater und Tochter gemeinsam spielen, noch im ‘human factor’ gesteigert wird). Diese Betonung des Zwischenmenschlichen lohnt sich.

Allerdings kommt der Film hier der Innenwelt des Helden nicht wirklich näher. Eine echte Wandlung hin zum “Need” der Figur Max wird mehr behauptet als bespielt. Denn nichts spricht dafür, dass der “Krieger” Max wirklich weich oder innerlich offen geworden wäre -weshalb das Schlussbild seltsam zusammenhanglos mit dem vorherigen Geschehen wirkt.

Als Pluspunkt erweist sich dann allerdings wieder die sehr enge Bindung zum Afghanistan-Veteranen RUDI (Moritz Bleibtreu), der sowohl für Sarah als auch für Max, später für Nina menschlich von großer Bedeutung ist. Rudi ist in seiner Ambivalenz wahrscheinlich die attraktivste Figur. Dass hier indirekt der deutsche Afghanistan-Einsatz mit thematisiert (und verteidigt) wird, dürfte die soziale Relevanz des Story nochmals erheblich steigern.

All diese Elemente des Zwischenmenschlichen werden nie subtil, sondern immer in voller Lautstärke, manchmal auch arg plakativ zu Gehör gebracht. Was aber auch wieder dem Action-Kino zumindest teilweise immanent, also nicht wirklich als Hindernis zu sehen ist.

Insofern basiert “Schutzengel” rein emotional auf einem gut funktionierenden Fundament. Ein wirkliches Nachlassen der Spannung ist nur phasenweise zu konstatieren, und das Schlussbild im englischen Brighton, das einen Mann mit zwei Frauen zeigt, liefert zumindest äußerlich das bestmögliche Ergebnis, das man in dieser Konstellation erwarten darf. Dass man das alles als nicht sehr realistisch einschätzen kann, dürfte für das genretypische Publikum, das an Unterhaltung interessiert ist, kaum abträglich sein.

Insofern folgt “Schutzengel” einem sicherlich funktionierenden Rezept. Für einen wirklich international konkurrenzfähigen Klassiker, wie der verwandte “Leon – Der Profi” das einst war, hätte allerdings die emotionale Ebene noch intensiver, d.h. mit mehr Wandlungspotenzial innderhalb der Figuren bespielt werden müssen.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

“Schutzengel” bekam von der Kritik mehrheitlich Schelte. Doch das wird den Erfolg nur marginal beeinflussen. Insgesamt dürfte die Frage wichtiger sein, welche Action-Fans bereit sind, in einen deutschen Film zu gehen und darin auch noch ausgerechnet den Frauenschwarm Til Schweiger zu sehen. Hier existieren keine Erfahrungswerte, deshalb ist man auf grobe Schätzungen angewiesen. Sicher ist nur, dass die Zahl von Actionfilm-Liebhabern generell nur einen Bruchteil von der beträgt, die romantische Komödien  wie “Keinohrhasen” oder “Kokowäh” sehen wollen.

Was sich aber valid sagen lässt, ist, dass ein genreaffines Publikum, das die oben formulierten Einwände zu schlucken bereit ist, nicht wirklich enttäuscht sein dürfte. “Schutzengel” liefert Spannung, soziale Relevanz und Emotion – auch wenn diese nie wirklich zum Punkt maximaler Berührung vordringt. So gesehen wird man bei der Mundpropaganda mit guten Werten rechnen können.

Wenn man “Schutzengel” vom Volumen her etwa ein Viertel des Publikums zubilligt, das Til Schweiger in seinen erotischen Erfolgskomödien sehen wollte, landet man knapp unter einer Million. Insofern rechnen wir mit Zahlen zwischen 850.000 und 900.000.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 7.10.2012

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