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Filmbesprechung

Sein letztes Rennen

Buch: Kilian Riedhof, Marc Blöbaum; Regie: Kilian Riedhof

Im Falle eines Films, der seine Erzählabsicht, also das “Want” der Hauptfigur bereits im Titel trägt, braucht man die Vorhersehbarkeit nicht mehr als Makel anzukreiden. Offensichtlich wollen die Autoren hier nichts anderes, als das letzte Aufbäumen eines Mannes zu zeigen, den alle schon abgeschrieben haben. PAUL (Didi Hallervorden) war zwar früher ein legendärer Marathonläufer. Heute jedoch vegetiert er in einer Art Edel-Altersheim, wo er insbesondere unter dem rigide lebensfeindlichen Regime von RITA (Katrin Sass) zu leiden hat. Dass Paul mit diesem letzten Rennen einen persönlichen Sieg davontragen wird, dürfte am Ende niemanden überraschen. Insofern bleibt die dramaturgisch oft wirkungsvolle Schere zwischen “Want” und “Need” hier geschlossen: was Paul sich schon früh vorgenommen hat, wird er auch erreichen. Diese Vorhersehbarkeit ist ein Defizit, mit dem man umgehen muss.

Im Falle von “Sein letztes Rennen” werden nun hier auf Drehbuchebene gewissermaßen alle nur denkbaren Geschütze des ‘human factor’ aufgefahren, um Pauls letztes Rennen emotional aufzuladen: indem seine Frau MARGOT (Tatja Seibt) ihn enorm motiviert, aber vor ihm stirbt, ist es die Bindung an die Geliebte, die ihn treibt. Aber auch innerhalb der Altenheim-Besatzung entsteht ein vorher völlig undenkbares Gruppengefühl, eine Solidarität und Lebendigkeit, die Paul Averhoff auf seinem letzten Rennen förmlich ins Stadion peitscht. Natürlich gewinnt er dieses Rennen nicht, sondern kommt – aber eben als über 80-Jähriger nach einer schier unglaublichen Leistung – als Letzter ins Ziel. Aber gerade der Beweis vor sich selbst, der skeptischen Tochter BIRGIT (Heike Makatsch) und dem demotivierten Rest der Welt, dass dieses Ziel erreichbar ist, bildet die Erfüllung. An diesem Punkt treibt die Inszenierung auf allen Ebenen die Wirkungskräfte von Gemeinschaftsgefühl und Gruppensolidarität auf die Spitze. Damit erringen die Alten kollektiv den Sieg über eine teils zynische, teils gut-gemeint depressive Philosophie, die aus dem Altersheim eine Art Zwangslager der Abgeschobenen und Entsorgten macht. Der emotionalen Wirkung, die insbesondere die groß inszenierte Schluss-Sequenz erzielt, wird man sich schwer entziehen können.

Zugleich rührt der Film auf einer philosophischen Ebene an eine Wunde unserer (Leistungs)-Gesellschaft: sind Menschen, die der Volkswirtschaft scheinbar nichts Materielles mehr bringen (= Menschen im Rentenalter) dadurch zu einem Leben zweiter Klasse verpflichtet? Ist es Leuten wie Paul Averhoff vorherbestimmt, mit kindischer Beschäftigungstherapie einem sinnlosen Ende entgegen zu  dämmern? Oder ist es nicht vielmehr so, dass auch alte Menschen der Gesellschaft, in der sie leben, durch ihre Erfahrung und seelische Präsenz Wichtiges zu geben haben?! Hier bezieht “Sein letztes Rennen” klar Stellung – und dürfte auf große Zustimmung treffen. Denn der “Wert” eines Menschen bestimmt sich eben nicht nur nach der volkswirtschaftlichen Summe dessen, was er finanziell beisteuern kann. Indem der Film den Finger klar auf diese Wunde legt, trifft er auf eine breite gesellschaftliche Relevanz.

Man darf dabei allerdings nicht übersehen, dass in Averhoffs sturem und oft ignorantem Verhalten auch viel Egoismus liegt, den er, wenn überhaupt, erst abzustreifen vermag, wenn seine Frau gestorben ist. Insofern macht es einem der Film schwerer, als es nötig wäre. Die Hauptfigur – noch dazu verkörpert von einem Darsteller, der der Öffentlichkeit als völlig anderer Typ  im Gedächtnis ist – wirkt sperrig. Dass Paul sich im Verlauf des Films wandelt, lässt sich nur dann behaupten, wenn man sein Verhalten vom allerletzten Bild her bewertet: da scheint er geläutert und abgeklärt. Die längste Zeit aber ist Paul dann doch eher ein Vertreter des Leistungsprinzips, das der Film ja eigentlich auch bekämpft. Insofern schwingen hier Probleme mit, die prinzipiell nicht nötig wären und dem grundsätzlich sehr publikumsaffinen Film doch zu schaffen machen könnten.

Generell dürfte “Sein letztes Rennen” dennoch im Vergleich mit den inzwischen zahllosen Vergleichsfilmen, die das Thema ‘Altern’ abhandeln, sehr gut abschneiden. Zahlen wie die von “Bis zum Horizont, dann links” müssten sicher erreicht, wenn nicht gar übertroffen werden. Gut möglich, dass der Film hier neue Maßstäbe der Akzeptanz setzt.

München, 13.10.2013

Roland Zag

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