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Filmbesprechung

Sommer in Orange

Buch: Ursula Gruber; Regie: Marcus H.Rosenmüller

Vorbemerkung:

Hinsichtlich dieses Films divergiert die Einschätzung zwischen Norbert Maass und Roland Zag. Daher werden hier zwei Lesarten und zwei Marktprognosen vorgestellt.

1. Roland Zag:

Das Drehbuch entwirft aus meiner Sicht einen “Culture Clash” von zwei sehr geschlossenen Systemen. Diese Grundkonstellation verspricht von vornherein ein großes emotionales Potenzial. Da ist auf der einen Seite die Welt eines bayerischen Dorfes, das von den Baggerführern über den Metzger, den Pfarrer, die Nachbarin bis hin zum Bürgermeister samt Familie sehr komplett erzählt wird. Auf der Gegenseite steht die bunte Welt der Sanyassins, mit einer bunten Mischung aus Beziehungsstress, Weltverbesserung und verquasten Idealen. Der Konflikt der Wertesysteme könnte nicht vollständiger – und damit auch komischer – sein. Nach meiner Erfahrung sind damit die wichtigsten Voraussetzungen sehr weitgehend erfüllt.

In der Mitte steht richtiger Weise die zentrale Figur LILI (Amber Bongard), die sich entscheiden muss, welche Zugehörigkeit für sie die richtige ist. Denn Lili verliert im heillosen Durcheinander der selbstbezogenen Erwachsenen immer mehr an Kontakt zu den Sanyassins ihrer Mutter. Niemand interessiert sich mehr für sie. Mit ihrem Bruder vereinsamt sie zusehends. Dadurch gilt ihr selbstverständlich die Empathie. Es zieht sie raus aus dem chaotischen Gewirr ihrer Eltern, hin zu den festen Strukturen des Dorfes.

“Sommer in Orange” braucht allerdings ein wenig lange, bis sich Lilis Drama tatsächlich und handgreiflich entfaltet. Erst nachdem sie tatsächlich die Seiten wechselt und inkognito in der Blaskapelle des Dorfes mitspielt, ist die Dramaturgie wirklich straff gespannt – erst jetzt steht wirklich etwas auf dem Spiel: wann entdecken die Erwachsenen, dass sie mit den “Feinden” kooperiert?  In Lilis Doppelleben liegt die erzählerisch ergiebige Bombe, die jederzeit platzen kann. Leider dauert es lang, bis sich diese klare erzählerische Linie etabliert, und so hat diese Bombe gar nicht allzu viel Zeit, spannend zu ticken. Sie geht schon recht bald bei einem allerdings fulminanten Showdown am Dorffest hoch.

Lange Zeit also hat sich “Sommer in Orange”  erzählerisch ein wenig dahin geschleppt – doch sobald der Culture Clash wirklich die beiden Systeme durcheinander bringt, kann dramaturgisch nichts mehr passieren. “Sommer in Orange” steigert sich dann zu einem echten, emotional weitgehend befriedigenden Wohlfühl-Kino, das es in Deutschland schon länger nicht mehr gab. Beiden Seiten widerfährt mehr oder weniger Gerechtigkeit – weder die Bayern noch die Sanyassins werden einseitig diffamiert. Die schlussendliche Durchmischung beider Systeme wirkt befriedigend. Am Ende wird sich zeigen, dass sich sogar im hermetischen konservativen Bayern etwas ändern lässt. Selbst die spirituelle Ebene des Films wird wirklich zu Ende erzählt, was gerade für das angepeilte Zielpublikum sehr wichtig sein dürfte.

Störend könnte hier ins Gewicht fallen, dass sich Lilis schwer verstrickte Mutter (Petra Schmidt-Schaller) bis zum Schluss nicht wirklich für ihr Kind interessiert. Dennoch: sie fällt die richtige Entscheidung, indem sie den machtversessenen Guru (Thomas Loibl) in die Wüste schickt und sich für die Tochter entscheidet.  

Insofern verfügt nach meiner Einschätzung “Sommer in Orange” über alle Voraussetzungen, bei einem größeren und sehr weit gespannten Publikum auf echte Zustimmung zu stoßen.

Offen bleibt natürlich die Frage, wie sehr das  längst verjährte Phänomen der Bhagwan-Anhänger heute noch  Zugkraft entwickelt. Da sind Vorhersagen schwer zu treffen. Doch vermutlich wird der Erfolg gar nicht so sehr von der Frage abhängen, wie groß das quasi dokumentarische Interesse an den Sanyassins ist. Denn “Sommer in Orange” erzählt einen letztlich universellen Konflikt zwischen Leuten, die emanzipatorisch nach Veränderung streben, und solchen, die sich nostalgisch dagegen  sträuben. Dieser Kampf findet – weniger spektakulär allerdings – tagtäglich überall statt. In der detailversessenen Geschlossenheit, mit der dieser Wertekonflikt erzählt wird, dürfte die Attraktivität dieses bunten Sommerfilms begründet liegen.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Sieht man vom Namen des Regisseurs ab – der allerdings nach “Wer früher stirbt ist länger tot” keinen wirklich durchschlagenden Erfolg mehr hatte – bleibt “Sommer in Orange” äußerlich wenig attraktiv. Keiner der Hauptdarsteller hat bereits allzu große Erfolge vorzuweisen.

Daher wird sich der Film stark von Mundpropaganda tragen lassen müssen. Es ist aus meiner Sicht aber zu erwarten, dass sie schnell und auch nachhaltig einsetzt und auch über Süddeutschland hinaus reicht. Als Richtschnur für die tatsächlich zu erwartenden Einspielergebnisse würde ich mich vielleicht an “Die Perlmutterfarbe” orientieren, Rosenmüllers letztem großen Kinofilm, der auf ein ähnliches Publikum zielte, aber – erzählerisch viel schwächer – nur auf enttäuschende 250.000 Zuschauer kam. Für “Sommer in Orange” stelle ich mir  diesen Wert ruhig fast  verdreifacht vor. Daher rechne ich mit Zahlen zwischen 600.000 und 700.000.

2. Einschätzung von Norbert Maass:

Über die meisten genannten Punkte herrscht Einigkeit: die beiden konträren Welten bayerisches Dorf und Sanyassin-Kommune schaffen günstige und emotionale Voraussetzungen; der Zugehörigkeitskonflikt der 11 Jahre alten Lili bildet das erzählerische Zentrum und die Darstellung wird beiden Seiten gerecht. Doch einige weitere Aspekte können und sollen hier anders dargestellt, gewichtet und bewertet werden.

Da ist zunächst die Perspektive des Kindes, die eben längst nicht so klar und konsequent erscheint wie im größten Rosenmüller-Erfolg „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Sobald dennoch derartiges Gewicht auf die Perspektive der Tochter gelegt wird, rächt es sich nach meinem Eindruck, dass der Blickwinkel und der Ausgang der Geschichte Lili nicht gerecht werden. Im Grunde genommen nehmen die meisten Erwachsenen und insbesondere – was am schwersten wiegt: die Mutter – zu keinem Zeitpunkt wirklichen Anteil an ihrem Problem, setzen sich aufrichtig mit ihr auseinander und beschäftigen sich wirklich mit ihr. Nur die Frau des Bürgermeisters lässt wirkliches Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für das junge Nachbarsmädchen aus der Kommune erkennen. In ihrem Engagement für Lili, das sie durchaus etwas kostet und in Konflikt mit ihrem Einflussreichen Ehemann bringt, wird etwas zwischenmenschlich Wahrhaftiges spürbar, das die andere Seite eigentlich bis zum Ende vermissen lässt.

Die Entscheidung der Mutter, ihren – aus Kindersicht –  ungeheuerlichen Plan zu ändern und doch nicht nach Amerika zu gehen und die Kinder auf ein Internat nach England abzuschieben, hat einige Beweggründe, aber keineswegs allein das Wohl ihrer Kinder. Die vollkommen befriedigende Wunscherfüllung muss somit in meiner Wahrnehmung ausbleiben, auch weil die dafür notwendige Auseinandersetzung mit Lili und eine wirkliche Wandlung sowie ein aufrichtiges Schuldeingeständnis der Mutter fehlt. Es mag formal richtig erscheinen, aber emotional wirkt es auf mich alles andere als überzeugend, wie der Film – vor allem aus Sicht von Lili – zu Ende geführt wird.

Dazu trägt auch bei, dass das Drehbuch überhaupt keine Schuld den selbstbezogenen und ihre Pflichten gegenüber den Kindern schwer vernachlässigenden Bhagwan-Anhängern zuweist, sondern sogar noch die Wendung nimmt, dass sich vielmehr Lili schuldig fühlen muss, weil sie in ihrer – außer von der Bürgermeisterfrau unbeachtet gebliebenen – Verzweiflung die Kommune in Terrorismus-Verdacht und damit kurzzeitig ins Gefängnis bringt. Hier platzt für mich die Bombe in der Dramaturgie – aber von der meinem Erachten nach falschen Seite. Nun muss Lili quasi zu Kreuze kriechen und sich bei den Bhagwan-Jüngern entschuldigen, während deren Versagen unter den Tisch fällt und unbestraft bleibt. Diese Lösung behält für mich einen heftigen Beigeschmack, der mich mit dem Ausgang keineswegs rundum wohl fühlen lässt. Der Film wird vielleicht allen anderen gerecht, aber nicht der Protagonistin Lili.

Darüber hinaus trägt noch zu meinem verhaltenen Eindruck bei, dass „Sommer in Orange“ die Chance weitgehend ausgelassen wird, mehr über den – wenige Jahre später wieder bedeutungslosen – Bhagwan-Kult und die Motivation seiner Anhänger zu erfahren. Gerade aus Kindersicht erzählt wäre es eine vermutlich einmalige Chance gewesen, ganz konkret anhand der vielen, in Ansätzen schön entwickelten Charaktere zu erfahren, was sie genau gesucht haben und was sie daran vorübergehend faszinierte, dann aber auch relativ schnell wieder – wie der Nachspann zeigt – durch andere Lebensformen abgelöst wurde. Allerdings findet diese Auseinandersetzung weder mit Lili noch mit ihrem Bruder oder sonst wem statt. Das Potential, den damit Vertrauten sowie den völlig Unerfahrenen gleichermaßen mehr Verständnis und Einsichten zu verschaffen,  bleibt damit unausgeschöpft. Zusammen mit der nicht gerade hohen Relevanz des Themas heute und der damit geringen Dringlichkeit des Films kann sich das in meinen Augen einschränkend auf den Publikumszuspruch auswirken.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Vom Millionenhit “Wer früher stirbt” abgesehen, haben die weiteren Filme von Markus H. Rosenmüller zwischen 120.000 (”Beste Gegend”) und 557.000 (”Schwere Jungs”) Zuschauer erreicht. Von der Besetzung geht keine entscheidende Zusatzwirkung aus, auch wenn die Hauptdarstellerin Petra Schmidt-Schaller gerade erst im Millionenhit “Almanya” mitwirkte und mit “Ein fliehendes Pferd” 352.000 Zuschauer hatte. Was das Thema der Bhagwan-Bewegung angeht, gibt es einen kleinen Indikator aus dem vergangenen Jahr. Die Dokumentation “Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard” interessierte immerhin fast 20.000 Kinozuschauer. Insofern sollte es schon eine niedrige bis mittlere sechsstellige Zahl an Besuchern sein, die sich einen durchaus charmanten und unterhaltsamen Film ansehen, der dem unrelevanten Thema aber wenig Neues hinzufügt und nicht jedem Zuschauer von der Lösungsorientierung her gesehen nachhaltig Eindruck machen wird. Die Weiterempfehlungsrate wird somit eher durchschnittlich sein. Demgemäß erwarte ich schlussendlich zwischen 350.000 und 450.000, maximal wenn es doch besser läuft 500.000 Zuschauer für “Sommer in Orange”.

Berlin/München 17.08.2011

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