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Filmbesprechung

Stereo

Buch und Regie: Maximilian Erlenwein

Dass sich das Genrekino prinzipiell stereotypisierter Affekte (Gewalt, Blut, Schocks, übersinnliche Phänomene) bedient, ist eine Binsenweisheit. Man darf aber nicht vergessen, dass der Einsatz dieser Mittel stets dazu dient, um starke innere EMOTIONEN zum Ausdruck zu bringen (Aggressionen, Schuldgefühle, Rachegefühle). Der Unterschied zwischen dem Affekt und der Emotion liegt darin, dass ersterer als unmittelbarer äußerer Impuls sofort über die Leinwand kommt; letztere, also die sozial bedingte Emotion, spielt sich im Beziehungsgeflecht der Figuren ab und entfaltet sich erst langsam. Man liegt nicht falsch, wenn man konstatiert, dass die Schwierigkeiten, die das deutsche Kino mit dem Genrefilm hat, damit zu tun haben, dass in der Regel die Affekte wichtiger genommen werden als die Emotionen. Dabei zeichnet sich herausragendes Genrekino (z.B. ein Film wie “Drive”) dadurch aus, dass beides gleichermaßen bedient wird.

In “Stereo” scheinen die Voraussetzungen für eine starke emotionale Story zunächst sehr günstig. ERIK (Jürgen Vogel) versucht verzweifelt, in einer kleinbürgerlichen Idylle mit JULIA (Petra Schmidt-Schaller) und deren Tochter ein unbescholtenes Leben zu führen. Doch ständig wird er von einer Figur heimgesucht, die sich HENRI (Moritz Bleibtreu) nennt und im Gegenteil aggressiv, hemmungslos und unflätig agiert. Die emotional hoch aufgeladene Komponente dabei ist die, dass es sich bei Henri, wie wir am Ende des 2. Aktes erfahren, um Eriks Bruder handelt. Und die Rollenverteilung der beiden war einst genau komplementär: Henri führte das bürgerliche Leben, Erik war der Ganove – bis ein schrecklicher Showdown mit KEITEL (Georg Friedrich) zum Tod von Henri und dessen Familie führte.

Die Figur, die heute den verzweifelten Kleinbürger und Motorradmechaniker Erik heimsucht, ist also nicht irgendwer. Und auch nicht nur, wie es fälschlich heißt, ein Anteil von ihm selbst. Es ist vielmehr sein verstorbener BRUDER, der sich jetzt in einer Art unbewussten Form von Racheengel in sein Leben einmischt. Es geht also eigentlich um Schuldgefühle, die Erik nicht in sich aufkommen lassen will. Sein ‘Need’ würde darin bestehen, die Schuld am Tod des Bruders einzugestehen und den Schrecken, den er verursacht hat, für sein Leben zu integrieren.

Durch diese sehr viel versprechende Verbindung der beiden zentralen Figuren wäre nun eigentlich die Voraussetzung für eine starke, weil zwischenmenschlich hoch aufgeladene Beziehung gegeben!

Aber zum großen Erstaunen des Zuschauers erfährt man über die Beziehung der beiden Brüder nahezu nichts (auch nichts von dem Vater, der ja mehrmals zitiert wird). Ja selbst Henri nimmt gar nie darauf Bezug, dass er mit Erik verwandt ist. Insofern kann es zwischen Erik und Henri weder zu einer Entwicklung noch zu einer Dynamisierung kommen: die Beziehung der beiden tritt auf der Stelle und wirkt mit der Zeit monoton. (Wobei man die schwer vorstellbare Voraussetzung schlucken muss, dass Erik zwar bei klarem Verstand, aber von seinen Erinnerungen total abgeschnitten ist).

Der Figur Erik kommt man durch die komplette Leugnung aller Backstory schwer näher. Denn über das WOHER seiner brutalen Aggression erfährt man  nichts. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld findet nicht statt. Das Böse wird in “Stereo” einfach voraussetzungslos hingestellt, aber nicht weiter psychologisch hinterfragt (während eben Filme wie z.B. “Drive” durchaus nach den Gründen hinter der Gewalttätigkeit suchen!).

Doch auch die äußere Handlung hilft nicht wirklich, um die emotionale Situation der Figuren zu unterstützen. Denn der Rachefeldzug, mit dem Erik am Ende bei Keitel alles kurz und klein schießt, bringt weder ihn selbst noch die Beziehung zu seiner Freundin Julia noch die zu seinem Bruder weiter. Am Ende ist Erik genau die aggressive, hemmungslose Figur, die er wohl früher immer schon war. Eine Wandlung hat nicht stattgefunden (höchstens zum Schlimmeren).

Insofern kann man am Ende konstatieren, dass auch “Stereo” dem angeschlagenen Image des Genrekinos in Deutschland nicht wirklich weiterhelfen wird. Denn ein weiteres mal wurde das Emotionale dem Affektiven geopfert. Insofern darf man sich von “Stereo” zwar erwarten, dass die anfänglichen Besucherzahlen angesichts der herausragenden Besetzung zufrieden stellen. Aber eine lange Laufzeit dürfte sich aus Mangel an erzählerischer Überzeugungskraft eher nicht einstellen.

München, 20.5.2014

Roland Zag

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