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Filmbesprechung

Systemfehler - Wenn Inge tanzt

Buch: David Ungureit, Thomas Winkler, Rainer Ewerrien
Regie: Wolfgang Groos

Wenn musikalische Erfolgsträume filmisch bearbeitet werden, folgt die Dramaturgie oft ähnlichen Mustern: Nachwuchsmusiker wollen erfolgreich sein, bekommen zunächst eine Chance, die dann bei der Realisierung scheitert, um schlussendlich doch noch den großen Erfolg zu erleben. Erzählformen dieser Art brauchen erhebliche Zusatzdynamik und wirksam gestaltete Prozesse, damit sie sich erfolgreich aus dem Durchschnitt abheben (was übrigens auch für das hier ebenfalls bediente Muster der romantischen Komödie gilt).

Im Falle des (aus kommerzieller Sicht ungünstig betitelten) Films SYSTEMFEHLER – WENN INGE TANZT wird versucht, die notwendige Spannung aus den völlig unterschiedlichen Hauptfiguren MAX (Tim Oliver Schultz) und INGE (Paula Kalenberg) zu entwickeln. Er ist der überhebliche Sänger der Schülerband Systemfehler, die noch aus den trennscharf gestalteten Mitschülern FABIO (Tino Mewes), JOSCHA (Constantin von Jascheroff) und LUKAS (Thando Walbaum) besteht. Inge hingegen ist die alternative Aktivistin, die sich für soziale Belange und Wohltätigkeitsveranstaltungen einsetzt. Sie spielt klassische Gitarre mit Fußpodest, Metronom und Notenständer, die Jungs bevorzugen wilden Punkrock mit deutschen Texten.

Die Welten könnten unterschiedlicher – und daher zunächst wirkungsvoller – nicht sein, stehen aber aufgrund eines geschickten Auslösers im Drehbuch von Anfang an in einem ebenfalls spannenden Konflikt. Denn der erste potentielle Hit der Band heißt WENN INGE TANZT und ist eine kaum verschlüsselte Bloßstellung der Protagonistin. Das Lied kommt gut an – und die kollektive Verhöhnung von Inge greift um sich (was die Empathie des Publikums zunächst auf ihrer Seite verortet). Gleichzeitig scheut das respektlose und selbstbewusste Mädchen nicht die Auseinandersetzung mit den Jungs.

Doch eine wirklich dramatische Verknüpfung entsteht erst dann, als der Gitarrist sich vor dem entscheidenden Auftritt verletzt. Der merkwürdig todessüchtige Onkel HERB (Peter Kraus) rät Max als Ersatz ausgerechnet zu seiner besten Schülerin Inge. Da der Scout der Plattenfirma fordert, unter allen Umständen WENN INGE TANZT zu spielen, entsteht ein handfestes Dilemma. Denn eine von Inges Bedingungen lautet, niemals dieses sie beleidigende Lied mehr hören zu müssen. Die Band stimmt Inges Bedingung zu, erteilt aber hinten rum dem Charmeur Max den Auftrag, Inge bis zum Auftritt umstimmen zu müssen.

Nun steht eine wirklich dramatische Spannung im Raum: was wird sein, wenn Inge herauskriegt, dass die Band sie betrügt? Max hält die Spannung aufrecht, weil er sich lange davor drückt, Inge die Wahrheit zu sagen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die beiden Gefallen aneinander finden.

Allerdings versäumt es das Drehbuch in dieser Phase, neben den äußeren Geschehnissen die inneren Bewegungen der Figuren wirkungsvoll ans Licht zu bringen. Die Polarität der beiden löst sich über die Austauschebene der Musik recht problemlos und reibungsfrei in Wohlgefallen auf. Es bleiben zwar äußere Schwierigkeiten zu überwinden, die auch kurz vor Schluss zur Trennung führen, aber die anfänglichen Gegensätze, die Motive für ihre musikalische Beleidigung und die emotionalen Back Stories oder unterschiedlichen Wertvorstellungen werden kaum verhandelt. Auch die musikalischen Unterschiede verschmelzen ohne größere Schwierigkeiten.

Beide verharren unter einer Maske. Weder Max noch Inge treten unter ihrer sympathisch-selbstbewussten Oberfläche als die, die sie wirklich sind, in Erscheinung. Ein spürbares Eigenleben (dramaturgisch gesprochen: ein “Need”) bleibt im Verborgenen. Dabei böte vor allem der verletzende Song eine ergiebige Ausgangsbasis für eine Auseinandersetzung. Diese bräuchte dann auch vor den inneren Schwachpunkten und Abgründen der Figuren nicht zurück zu schrecken und könnte neue Seiten ihres Innenlebens offenbaren.

Max hat zudem in heftiger Art und Weise seine Eltern auf Kuba verlassen, um zu seinem Onkel zu ziehen – was eigentlich eine geeignete Back Story ergeben könnte und Inge die Möglichkeit gäbe, sich an dem widerlichen Macho abzuarbeiten. Diese Möglichkeiten bleiben ungenutzt. Auch der soziale wie der musikalische Wertekonflikt werden kaum glaubhaft ausgetragen und gelöst. So kann sich auch der essentielle Publikumswunsch nicht stark genug entfalten: eine wirkliche Hoffnung, dass die beiden am Ende unbedingt zusammen sein mögen, stellt sich nur bedingt ein. Dafür hätte der Prozess, was sie neben der Musik und dem Wirkungsgesetz „Gegensätze ziehen sich an“ innerlich verbindet, viel stärker vom Drehbuch gestaltet werden müssen.

Dennoch ist am Ende wie in „Walk the Line“ oder „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ die soziale Relevanz ein wichtiges wirkungsvolles Element, das dem Film viel Sympathie zurück bringt: Max bekennt sich zu Inge, in dem er von der Madsenbühne geht und sich weigert, WENN INGE TANZT zu spielen – während hingegen Inge sich zu Max bekennt, in dem sie an seiner Stelle auf die Bühne kommt und doch den Schmähhit selbst spielt. Der Moment dieses Liebesbekenntnisses sowie dynamischen gemeinsamen Auftritts bei einem großen Konzert erzeugt eine mitreißende soziale Wirkung. Auch formell wird schließlich die potentiell starke, hier aber schwach entwickelte Back Story von Max zu Ende geführt, in dem er zusammen mit Inge seine Eltern auf Kuba besucht. Aber ein wirksamer Pay Off mit echter Wunschentwicklung sieht anders aus.

Nach einem für den deutschen Film schwachen zweiten Quartal des Jahres 2013 beginnt mit SYSTEMFEHLER – WENN INGE TANZT die von vielen erhoffte Sommeroffensive. Sie sollte eigentlich den Besucheranteil in den kommenden Wochen wieder spürbar zu erhöhen. Angesichts der durchwachsenen Dramaturgie von “Wenn Inge tanzt” (und dem wenig attraktiven Titel) dürfte es allerdings leider nicht nur am Wetter liegen, wenn es jetzt zunächst eher defensiver Start wird.


Dramaturgische Einschätzung: Norbert Maass

Berlin 13.07.2013

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