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Filmbesprechung

Tabu- Es ist die Seele eines Fremden auf Erden

Buch: Ursula Mauder; Regie: Christoph Stark

Das Drehbuch des Films fokusiert sich auf eine Liebesgeschichte, die tatsächlich noch an eines der letzten Tabus unserer heutigen Sexualmoral rührt: die Geschwisterliebe. Die Konzentration auf diese Bindung verleiht dem Film eine hohe emotionale Aufladung.

GEORG TRAKL (Lars Eidinger), das Paradebeispiel für den deutschsprachigen Typus des ‘poète maudit’ (drogensüchtig, unzuverlässig, genial) hat nur Augen für seine Schwester GRETE (Peri Baumeister). Die Beziehung wird zu einer Art Machtkampf auf der inneren und äußeren Ebene. Innerlich steht die Frage auf dem Spiel: wer der beiden Liebenden findet als erstes die Kraft, sich aus der verbotenen und destruktiven Verstrickung zu lösen? Zunächst wird man hier Grete für die Stärkere halten – eine Frau, die ihren eigenen Weg findet, ohne wie ihr Bruder in Exzessen zu Grunde zu gehen. Georg scheint seine letzte Rettung darin zu sehen, Grete auf der äußeren Handlungsebene in die Arme ihres Kompositionsprofessors BRÜCKNER (Rainer Bock) zu treiben, um sie so gewissermaßen ruhig zu stellen.

Doch Gretes Kräfte zur Befreiung und Verankerung im bürgerlichen Leben sind geringer, als angenommen. Auch sie verfällt immer wieder dem Zauber der Liebe zu ihrem Bruder. Ihm ist sie gleichgestellt. Mit ihm hat sie ein Austauschmedium: die Liebe zur Kunst. In der Männergesellschaft von Wien hingegen bleiben ihr nur mehr oder weniger unbefriedigende Affairen wie z.B. die mit dem jungen bulligen Maler KOKOSCHKA (JULES WERNER), in denen sie intellektuell nicht  zur Geltung kommt.

Grete und Georg sind also beide zu schwach, um die verbotene Liebe zu beenden, und innerlich zu sehr an denselben Dingen interessiert, um von einander loszukommen (leider werden die äußeren Widerstände gegen diese tabuisierte Liebe nicht allzu stark betont).

Gegen Ende des Films lässt sich dann Grete zu einem letzten absoluten Tabubruch hinreißen: sie lässt sich von Georg schwängern, gibt das Kind jedoch als das ihres Mannes aus. An diesem Punkt wird aus der bislang scheinbar noch eher starken Frau diejenige, die sich noch hemmungsloser ins Unglück stürzt. Damit wird sie jedoch auch in einem negativen Licht gezeigt, für das sich die Motivation nicht restlos erschließt.

Dennoch wirkt der Film in seiner Reduktion recht intensiv.

Schwerer tut man sich mit der Frage, wo genau eigentlich der Grundkonflikt zu sehen ist. Der Gegensatz zwischen innerer Zuneigung und äußerem Verbot kann es nicht sein. Dazu werden die Verbote aus den Reihen der Gesellschaft zu wenig betont. Indem aber der äußere, gesellschaftliche Widerstand nicht groß ist, wird nicht klar, WAS GENAU die beiden Liebenden eigentlich immer wieder voneinander weg treibt.

Erst auf den allerletzten Metern enthüllt sich  Trakls größte Angst  – und da wird der Film emotional auch am stärksten. Denn er hatte immer Angst, er könnte seine Schwester dorthin mit nehmen, von wo es keine Wiederkehr gibt: in den Tod. Erst in allerletzter Sekunde wird klar, dass sein zuvor oft schroffes und egoistisches Verhalten einer höheren Motivation geschuldet war, nämlich dem Wunsch, die Schwester nicht mit sich zu reißen.

Schade, dass sich das nicht schon früher vermittelt hat. Die Grundspannung hätte von Beginn an wirksamer sein können.

Doch immerhin gelingt es dem Film, gleichsam mit dem Höhepunkt aufzuhören – und das ist für die Breitenwirkung doch sehr wichtig.

***

Einen anderen Aspekt darf man aber nicht unerwähnt lassen: die Love-Story, die der Film beschreibt, ist historisch nicht belegt. Sie liegt aber im Bereich des spekulativ Möglichen. Insofern ist es sicher legitim, eine solche Beziehung fiktiv zu behaupten.

Anders ist es im Fall der vom Drehbuch behaupteten Liaison von GRETE TRAKL (Peri Baumeister) mit ihrem Kompositionslehrer BRÜCKNER (Rainer Bock). Diese Verbindung hat es nie gegeben, Grete Trakls Leben verlief ganz anders. Hier wurde also das historische Material massiv verbogen.

Es liegt also eine Vermischung von Wahrheit und reiner Fiktion statt. Die Erfahrung lehrt, dass gerade ein gebildetes Publikum (das man ja in diesem Fall voraussetzen muss) auf solche Undeutlichkeiten ablehnend reagieren kann. Der Gestus der “Wahrheit” wird hier recht problematisch mit einer rein erfundenen Ebene vermischt. Das könnte dem Film schaden.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Der Name Georg Trakl ist in Deutschland sicherlich bekannt, aber wohl kaum zu vergleichen mit z.B. Gustav Mahler (”Mahler auf der Couch”) oder C.G.Jung und Freud (”Eine verhängnisvolle Affaire”). Das bildungsbürgerliche Publikum wird sich angezogen fühlen, aber nicht in der Größenordnung der beiden genannten Filme, die beide über 100.000 Zuschauer erreichten (der Cronenberg-Film sogar über 250.000).

Lars Eidinger ist sicherlich ein Schauspieler, von dem Attraktion ausgeht, und seine Performance dürfte zu den Stärken des Films gehören (genau wie die der allerdings weitgehend unbekannten Peri Baumeister). Andere wirksame Faktoren kann man nicht erwarten.

Beim Zielpublikum darf mit einer gedämpft positiven Reaktion gerechnet werden. Eine wirklich erschütternde Wirkung geht von dem Film vielleicht nicht aus. Doch die genannten Faktoren könnten ausreichen, um ein Ergebnis von 30.000 bis 50.000 zu erzielen.

München, 31.5.2012

Roland Zag

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