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Filmbesprechung

Tage die bleiben

Buch: Pia Strietmann und Lea Schmidbauer
Regie: Pia Strietmann


Der Umgang mit Verlust und Tod beschäftigt die Filmemacher seit einigen Jahren zunehmend – Titel wie „American Beauty“ oder „About Schmidt“, „Kirschblüten“ oder „Satte Farben vor Schwarz“ belegen das. Dabei bleibt der Zuspruch eines erwachsenen und ernsthaften Publikums nicht aus. Fragen, was geschieht, wenn ein Mensch stirbt, und wie andere Menschen darauf reagieren, stoßen durchaus auf Interesse. Vor allem das reizvolle Spiel mit gleichermaßen tragischen und komischen Aspekten lässt das Thema immer wieder erträglicher und gewinnbringender erscheinen als gedacht.

Der Debütfilm „Tage die bleiben“ der Filmemacherin Pia Strietmann erzählt von dem Unfalltod der Mutter ANDREA (Lena Stolze), die eine extrem dysfunktionale Familie zurück lässt. Das gegenseitige Interesse des Vaters CHRISTIAN (Götz Schubert), des Sohnes LARS (Max Riemelt) und der Tochter ELAINE (Mathilde Bundschuh) ist so gering, dass sie selbst angesichts von Tragik und Trauer lange Zeit nicht auf das Ereignis reagieren können und weiter vorrangig ihren eigenen Interessen nachgehen. Der Film handelt also die meiste Zeit  von der unerwarteten Nichtreaktion seiner Protagonisten auf das schreckliche Ereignis.

Dabei müssen sich die Figuren gegenseitig zur Ordnung rufen, weil sie den angemessenen Respekt gegenüber dem Tod oft vermissen lassen. Es herrscht ein merkwürdig unbefriedigender Umgang sowie ein genervter und unfreundlicher Tonfall vor. Dabei halten sich die übrig gebliebenen Familienmitglieder mit gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht zurück. Vor allem der Vater hat sich schuldig gemacht, weil er seit Jahren fremd geht und damit die Hauptverantwortung für den Zustand der Familie trägt. Seine mangelnde Schuldeinsicht geht so weit, dass er noch kurz vor der Beerdigung am liebsten mit seiner Geliebten einfach wegfahren und alle im Stich lassen will.

Doch auch den Kindern wird eine Mitschuld gegeben, da sie nicht bei der Lesung ihrer gerade eine Literaturkarriere startenden Mutter waren. Der Streit der Eltern darüber geht dem Unfall unmittelbar voraus. Die Schuldthematik bleibt im Grunde genommen den ganzen Film über bis zum Schluss ungeklärt, was zu einem unbefriedigenden Gesamteindruck beiträgt. Dieser weitet sich auch noch auf die tote Mutter aus, als sich herausstellt, dass auch sie eine Affäre hatte und kurz davor stand, die Familie zu verlassen.

Erst sehr spät wird der Publikumswunsch in geringem Maße, aber spürbar erfüllt: Vater und Kinder können gemeinsam trauern und finden wieder stärker zusammen. Bis dahin aber bleibt der Film aber lange zwischenmenschlich im spröden und kalten Bereich, unterbrochen lediglich durch ein paar unterhaltsame Szenen. Die emotionale Gesamtrechnung bleibt damit auf einem bescheidenen Niveau.

Dass das Publikum die meiste Zeit keine ausreichende emotionale Tuchfühlung mit den Hauptfiguren aufnehmen kann, hängt auch mit der geringen sozialen Aufladung zusammen. All jene Menschen, die Andrea als begabte und beliebte Schriftstellerin vermutlich stärker vermissen als ihre engsten Verwandten, bleiben außen vor und werden für die Handlung nur  marginal wirksam. Die Anteilnahme des Lesepublikums an Andreas Tod  wirkt zu gering, um starke emotionale Beteiligung auszulösen und die Erwartungen selbst des grundsätzlich an dem Thema interessierten Publikums zu erfüllen.

MARKTEINSCHÄTZUNG

Es erscheint als unglückliche Entscheidung des Verleihs, den kleinen deutschen Debütfilm ausgerechnet gegen den starken amerikanischen Oscar-Bewerber „The Descendants“ zu starten, der ein grundsätzlich ähnlich gelagertes Thema sichtlich publikumswirksamer und lösungsorientierter erzählt.
Dadurch sinken die begrenzten Marktchancen des Filmes noch um einiges ab. Auch die Besetzung ändert daran kaum etwas: Götz Schubert ist aus Fernsehrollen halbwegs populär, aber im Kino kein Begriff und Max Riemelt ist immerhin aus Kinofilmen wie „Die Welle“ oder „13 Semester“ bekannt, aber noch weit davon entfernt, zum Erfolg eines Kinofilms maßgeblich beizutragen. Insofern wird der Debütfilm, wenn es einigermaßen gut läuft, knapp über 10.000 Besucher kommen. Wahrscheinlicher aber ist, dass er darunter bleibt.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass
Berlin, 1.2.2012

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