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Filmbesprechung

Tore tanzt

Buch und Regie: Katrin Gebbe

Es klingt paradox und widersinnig, diesen Film einer Unterhaltungsbranche zuzurechnen und sich Gedanken über die Erfolgsaussichten machen zu wollen. “Tore tanzt” gehört ganz sicher nicht zu einem Kino, das sich die Zustimmung von Mehrheiten erhofft; aber auch zu keinem Kino, welches einem ästhetischen Kunstideal folgt (wie man das von “La Grande Bellezza” oder “Die andere Heimat” sagen könnte.) Der Film rechnet sich vielmehr einem philosophischen Diskurs zugehörig, der die menschliche Natur auslotet, üblicherweise zwischen Buchdeckeln verhandelt wird und nur in diesem Fall im Kino seine Heimat findet. Dieser Diskurs ist unangenehm, aber er muss geführt werden.

Unangenehm wird “Tore tanzt” in zweierlei Hinsicht empfunden werden: einmal, weil sich lange Zeit hinsichtlich des Plots nahezu nichts tut; und dann – recht spät – weil das Geschehen in ein wildes sadistisches Gemetzel mündet. Dennoch darf man, innerhalb seiner extrem eng gesteckten Grenzen, dem Film eine bestimmte Form von “Erfolg” zubilligen, wenn auch nur bei einem sehr begrenzten Schicht von Zuschauern, die sich eben auf diesen philosophischen Diskurs einlassen.

Denn es wird hier ein großes Thema so stringent verhandelt, dass man trotz allen sinnlichen Widerwillens die mentale Gefolgschaft schwer verweigern kann. Es steht nichts Geringeres zur Debatte als der ewige Kampf des “Guten” gegen das “Böse”. Und diesem Kampf ringt der Film sehr plausible Aspekte ab. TORE (Julius Feldmaier) fühlt sich von Beginn an (und darin ändert er sich auch nie!) dem reinen Guten zugewandt. Er fühlt reine Liebe – wie Jesus. Und genau da liegt ein Aspekt von Hochmut, von Hybris. Denn Tore leugnet kategorisch die Existenz des Bösen. Er tut so, als wäre er über alle Aggressionen, alle Versuchungen und Triebhaftigkeiten erhaben. Dadurch trennt er sich von den Menschen und beansprucht einen quasi gottähnlichen Status. Und das genau fordert das “Böse”, die Aggression bei seinem Peiniger BENNO (Sascha Alexander Gersak) heraus. Dessen sadistische Ader wird umso stärker stimuliert, je mehr sich Tore auf die aggressionslose Heiligkeit zurück zieht. Das Gute aber ist ohne das Böse nicht zu denken. Oder, anders gesagt: das Gute braucht das Böse, ja es fordert es geradezu heraus, um überhaupt gut sein zu können. Dafür zahlt Tore einen hohen Preis: er stirbt.

Doch aus Tores Sicht ist ein Opfer trotzdem nicht umsonst! Indem er die abscheulichen Seiten von Benno und seiner Frau ASTRID (Annika Kuhl) provoziert, hilft er indirekt, dass wenigstens die missbrauchte SANNY (Swantje Kohlhof) gemeinsam mit dem kleinen Bruder dieser Hölle entrinnen kann. Tore hat also das Böse heraus gelockt – aber dadurch auch die Welt ein kleines Stück “besser” gemacht, jedenfalls aus seiner Sicht. Sein Tod ist auch ein Sieg. Benno und seine Clique sind verdammt. Und der Film endet insofern nicht ganz so pessimistisch, wie man annehmen möchte.

Um diese Darstellung einer uralten Dialektik gerecht zu werden, bedient sich “Tore tanzt” einer parabelhaften Erzählweise. Fragen nach emotionaler Logik darf man nicht stellen: weder warum dieser junge Mann so völlig allein ist, noch warum sich überhaupt diese Nähe zu Benno oder dessen Tochter einstellt, sollte man allzu psychologisch hinterfragen. Man muss der Setzung dieser erzählerischen Absicht trauen und ihr folgen – nur dann stellt sich die Einsicht in die höheren Prinzipien ein, die hier verhandelt werden. Daher braucht es auch weder 3-Akt-Struktur noch eine Wandlung innerhalb der Hauptfigur,  weder “Want” noch “Need”. Auch wenn das Zusehen eher harter Arbeit gleicht: die Parabel wirkt stimmig und auf einer höheren Ebene logisch.

Freilich zeigt der kurze Blick auf den ähnlich gelagerten Film “Breaking the Waves”, dass man dieselbe Botschaft auch ungleich breitenwirksamer und emotional heftiger erzählen könnte – wenn man sich wie Lars von Trier auf eine starke Beziehung mit Geben und Nehmen im Zentrum einlassen würde. Eine solche Absicht verfolgt “Tore tanzt” aber offensichtlich nicht.

Es wird also nur eine kleine Schicht von Zuschauern geben, die sich der Tortur dieses Films unterziehen will.  Dennoch: innerhalb der eng gesteckten Grenzen der erzählerischen Absicht wirkt der Film stringent und überzeugend. Also, wenn man so will, und so paradox es klingen mag, ist er durchaus ein “Erfolg”.

München, 6.12.2013

Roland Zag

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