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Filmbesprechung

Über-Ich und Du

Buch: Benjamin Heisenberg, Josef Lechner
Regie: Benjamin Heisenberg

Der Film stellt – anders als sehr viele andere deutsche Komödien – die Begegnung zweier Menschen in den Mittelpunkt und beschäftigt sich mit deren problematischer, dann jedoch immer intensiveren Beziehung: “Über-Ich und Du” ist character-driven durch und durch. Der Mut, sich auf Inneres und Subtileres einzulassen, ist in einer Landschaft, in der häufig das Technisch-Plotorientierte Vorrang hat, zu begrüßen. Letztlich liegt die erzählerische Absicht eher darin, eine Begegnung zweier skurriler Weltbilder zu konfrontieren, als komplizierte Plot-Ideen auszuformulieren: so wird viel mit Ellipsen gearbeitet, die die Konsequenzen der Action eher andeuten, sowie mit vielen fast improvisatorisch wirkenden neuen Wendungen und Figuren, die nicht alle zu Ende gebracht werden.

Dabei geht “Über-Ich und Du” (komödienbedingt) von ein paar  gängigen Bedingungen aus: wie etwa dem Culture Clash (psychologischer Intellektueller trifft auf Kleinganoven); der Verwechslung (eigentlich war ein anderer Betreuer vorgesehen); sowie einiger finsterer Antagonisten. Doch die entscheidenden Signale, die den eigentlichen inneren Konflikt auf den Punkt bringen, werden sehr leise und spielerisch gesetzt. Komödientypische Erwartungen werden vielfach eher unterlaufen als bedient.

Es dauert allerdings lang, bis eine Gegenseitigkeit erreicht und damit klar wird, welche Geschichte hier zur Debatte steht: da ist einmal auf der äußeren Ebene der Clash zwischen zwei Menschen, die sich in einer ähnlich bedrängten Lage befinden. NICK (Georg Friedrich) wird als Kleinganove verfolgt; doch auch CURT (André Wilms) fühlt sich von seiner Familie bevormundet und bedrängt. Sobald klar ist, dass beide einander helfen können, hat die Geschichte, hat der ‘plot’ zu sich selbst gefunden (was aber erst nach ca. 45 Min. der Fall ist). Auf einer inneren Ebene dauert es sogar noch länger, bis man zum Gegenstand vordringt: denn Nick, eigentlich aller Psychologie abhold, wird von denselben Ticks heimgesucht wie der alte, skurrile Psychologe: er beginnt zu zwinkern und entwickelt eine fast surreale Hemmung, die Küche zu betreten. Nick muss also fast zwangsläufig bei Curt in Therapie gehen. Und hier wachsen die Figuren erstmals auf einer inneren Ebene zusammen. An diesem Punkt findet der Film auch die visuell griffige Metapher für die Beziehung: es kommt, um in psychoanalytischen Begriffen zu sprechen, zu einer ganz handgreiflichen ‘Übertragung’. Der eine überträgt dem anderen einen Teil seiner Problematik. Und in diesem Bild steckt viel von der liebevollen Qualität, die die beiden Protagonisten verbindet.

So findet der Film gegen Ende auch zu einer visuell starken Metapher, die man auf die Formel “Lass dir helfen, aber hilf dir selbst” zusammenfassen könnte: Nick lässt sich freiwillig zu therapeutischen Zwecken eingraben; doch als dies scheinbar aus dem Ruder läuft, hilft ihm niemand anderes als seine eigene Entschlossenheit, sich zu befreien. Therapie bedeutet demnach nicht, sich zum Opfer einer übergeordneten Instanz zu machen. Therapie bedeutet, sich seiner selbst anzunehmen. Hier findet der Film zu seinem ‘unique selling point’: jenem starken Bild, das im Zuschauer zurück bleibt, selbst wenn die Handlung irgendwann in Vergessenheit geraten ist.

Dennoch wird man, wenn man das Ganze betrachtet, konstatieren müssen, dass der spielerische Umgang mit Erwartungen zwar einige Klischees vermeidet, aber auch zu Enttäuschungen führen könnte. Denn es ist nicht nur eine mäandernde erste Dreiviertelstunde, die der Spannung zu schaffen macht. Vielmehr bleibt  uns am Ende auch eine Wandlung der Figuren – die ja durch den Gedanken der Therapie eigentlich zwingend nahe gelegt wird – leider vorenthalten: letztlich stehen Nick und Curt am Ende genau da, wo sie zu Beginn schon waren. Nick hat keine Lösung aus seiner kriminellen Verstrickung gefunden, und Curt hat sich nicht von der Familie emanzipiert. Die gegenseitigen Hilfeleistungen waren zwar nett gemeint, aber folgenlos. Und angesichts der vielen nicht auserzählten Figuren und Motive (z.B. der alten Freundin des Therapeuten mit ihrem Swimming-Pool, oder der Tochter, oder dem Zahnarzt…) bleibt das Netz, welches der Film erzählerisch knüpft, doch arg weitmaschig. Ein wirklich verlässliches Tempo der Pointen stellt sich nur phasenweise ein. Insofern wird man dem bisweilen optisch nur mäßig aufregenden Film auf einem schwierigen Markt nur Außenseiterchancen einräumen können. Den wirklich zwingenden Zug, den die Komödie nun mal sucht und braucht, bringt “Über-Ich und Du” nicht über die gesamte Strecke auf. Dies scheint gewollt. Aber dürfte wenig daran ändern, dass die Ausstrahlung begrenzt bleiben könnte.

München, 14.5.2014

Roland Zag

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