aktuelle

Filmbesprechung

Vampirschwestern

Buch: Ursula Gruber (basierend auf der Vorlage von Franziska Gehm); Regie: Wolfgang Groos

Schon die erfolgreiche Kinderbuch-Reihe entwirft einen Konflikt, der gut nachvollziehbar ist und bei vielen Kindern seine Wirkung entfalten kann: die beiden Schwestern SILVANIA (Marta Martin) und DAKARIA TEPES (Laura Roge) sind Mängelwesen – halb Vampir und halb Mensch. Damit sind die beiden entscheidenden Pole, zwischen denen sich die Geschichte ausgiebig entfalten kann, wirkungsrelevant gesetzt. Beide sind mit sich und mit dem auslösenden Moment nicht zufrieden: während sich Silvania auf den Umzug von Transsylvanien in eine deutsche Kleinstadt freut, weil sie lieber ein vollständiger Mensch sein will, kann sich Dakaria nicht mit dem Wechsel der Welten anfreunden, da sie sich wünscht, nur Vampir zu sein.

Die Geschichte ist damit grundsätzlich unter Strom gesetzt, weil die zentralen Bewegungsrichtungen der beiden Protagonistinnen kontrastreich, konfliktfähig und damit dynamisch sind. Immer, wenn diese Hauptader bespielt wird, eine Verschärfung erfährt und zunehmend eine gemeinsame Lösung erfordert, kann das Geschehen auf der Leinwand als emotional spannend erlebt werden. Das ist insofern von Bedeutung, als die sinnliche Erlebnisqualität für die beiden wie für die Zuschauer in der Welt der Menschenmutter ELVIRA (Christiane Paul) drastisch abnimmt. Der anfangs gezeigte bunte Schulalltag mit Rumfliegen und Chaos jenseits von Disziplin und Stillsein in der deutschen Schule geht schnell verloren. Ein paar nächtliche Ausflüge mit dem Vampirvater MIHAI (Stipe Erceg) auf derselben Strecke sowie fantasievolle Inneneinrichtungen sind alles, was den Erlebniswert für die Kinder ausmacht.

Der Film wirkt allerdings keineswegs wie ein rundum unterhaltsamer und bildgewaltiger, sondern vielmehr wie ein oft inhomogen erscheinender Kinderfantasyfilm, bei dem viele Elemente wie der latente Konflikt zwischen den Eltern oder mit den menschlichen Großeltern, aber auch die Beweggründe für den Umzug nach Deutschland unterentwickelt bleiben. Aber das fällt nicht entscheidend ins Gewicht, da in der Mitte wirksam ein Herz schlägt, das durch die Kombination des Zugehörigkeitskonflikts mit der Wunschentwicklung durchblutet wird: dass nämlich die beiden Schwestern eine gemeinsame Lösung finden mögen. Es ist also eine wirksame Mischung aus Zugehörigkeits- und Zusammengehörigkeitskonflikt, die hier die entscheidende Rolle spielt.

Allerdings bleiben einige daraus resultierende emotionale Potentiale dennoch um einiges unter ihren Möglichkeiten. Denn die maßgeblichen Wendungen werden weniger durch die Vampirschwestern selbst und ihre inneren Konflikte, als vielmehr durch äußere Umstände bedingt. Es ist der Fehler des Magiers ALI BIN SCHICK (Richy Müller), der die Dynamik belebt, in dem er die Wünsche aus Versehen vertauscht: der Vampiranteil in Silvania nimmt zu statt ab und ebenso ergeht es dem menschlichen Teil von Dakaria. Zwar fehlen hier die Reaktionen anderer Figuren auf die augenscheinlichen Veränderungen von Verhalten und Fähigkeiten, aber entscheidend ist, dass die so gewonnenen Erfahrungen zu mehr Selbsterkenntnis und sozialem Zugewinn aus Sicht der Protagonistinnen führen. Es sind vor allem die neuen Bindungen zu den Außenseitern LUDO (Jonas Holdenrieder) und HELENE (Jamie Bick) sowie die gewonnene Anerkennung in der Schule durch das mit Vampirkräften gelungene Besiegen der bösen Mitschüler, die beide Schwestern am Ende erkennen lassen, dass sie zusammen mit den neuen Freunden gemeinsam als halbe Wesen eine gute Perspektive haben. Der Zugehörigkeitskonflikt hat eine nicht restlos befriedigende, aber eine gemeinsame Lösung gefunden. Das ist für das Zielpublikum der maßgebliche Wirkungstreffer, mit dem günstige Voraussetzungen für einen Erfolg geschaffen und viele schwach wirkende Elemente der Geschichte mehr als ausgeglichen werden.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

„Die Vampirschwestern“ bietet weniger Erlebniswert als vergleichbare Familienfilme wie „Fünf Freunde“ oder momentan „Der Hobbit“ und wird es damit nicht leicht haben, die Millionengrenze, die aufgrund der erfolgreichen Vorlage grundsätzlich möglich ist, zu erreichen. Aber für die maßgebliche Zielgruppe der Mädchen, für die auch die beiden „Hanni und Nanni“-Filme attraktiv waren, wird ein ähnlich gelagertes emotionales Wirkungsgefüge geschaffen und somit sind auch deren Zuschauerwerte zu erwarten. Das ist für die veränderte Marktlage, in der nur noch wenige deutsche Bestsellerverfilmungen für ganze Familien oder junge Zielgruppen Millionenerfolge werden, ein sehr respektables Ergebnis, das aus unserer Sicht in erster Linie der Gestaltung und Auflösung der zentralen Konflikte zu verdanken ist. Am Ende sehen wir somit ein Ergebnis knapp unter der Millionengrenze.

Dramaturgische- und Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 10.1.2013

Bildunterschrift