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Filmbesprechung

Victoria

Buch und Regie: Sebastian Schipper

Das Hauptthema des Films ist die Beweglichkeit. Der Film führt vor, wie flüchtig das Leben sein kann. Innerhalb weniger Stunden mag sich mitunter das Geschehen auf den Kopf stellen. Es gilt, sich gegenüber den Herausforderungen selbst flexibel zu zeigen, aber auch aktiv und loyal gegenzusteuern. VICTORIA (Laia Costa) nimmt diese Herausforderung an. Sie schwimmt mit dem Tsunami der Ereignisse und kommt am Ende zwar schwer gezeichnet, aber auch gewachsen aus einem wahren Hexenkessel der Unvorhersehbarkeit hervor.

Die Flüssigkeit und Beweglichkeit der Kamera korrespondiert mit der Erzählabsicht.

Kameratechnisch ist dieser Film ein Meilenstein, 140 Minuten ungeschnittenes Filmmaterial (Kamera: Sturia Brandth Grøvlen) erzählen von einer exzessiven Nacht, die in einem Berliner Club beginnt und in einem dramatisch gescheiterten Bankraub endet.

Die aristotelische Raum-Zeit Einheit, wie sie sonst in diesem Medium schwer darstellbar ist, könnte kaum eindrucksvoller realisiert werden. Die Zwangsläufigkeit dieser einfachen Geschichte entspricht dem Genre (Role model: PUSHER oder DRIVE von Nicolas Winding Refn).

Die Frage lautet nun: wie sehr zeigt sich der Film selbst gegenüber seinem eigenen Genre und dessen festgelegten Regeln beweglich?! Gelingt es der Story, sich auch gegenüber den fixen Gleisen, in denen sich der ‚Heist-Movie‘ bewegt, innovativ und unerwartet zu bleiben? (Wie das etwa Tarantino einst in „Reservoir Dogs“ gelang, oder auch in „Lola Rennt“…) Oder entsteht beim Zuschauer das Bild, alles schon mal ähnlich gesehen zu haben?

Die Begegnung der Spanierin mit der Berliner Straßengang um SONNE (Frederick Lau), BOXER (Franz Rogowski), BLINKER (Burat Yigit) und FUSS (Max Mauff) wird in aller Ausführlichkeit erzählt. Zum einen erfahren wir, dass es sich bei ihnen um ganz normale Berliner Jungs handelt, denn nur Boxer hat eine kriminelle Backstory. Hier liegen sicher keine besonderen Merkmale, die das Publikum fesseln könnten. Zudem dauert der erste Akt des Filmes bis zu dem ersten Wendepunkt, an dem Victoria sich freiwillig entscheidet, die Fahrerin des Coups zu sein, überdimensionale 80 Minuten.

Allerdings weist dieser erste Akt auch das größte Alleinstellungsmerkmal auf. Denn die Perspektive einer erfolglosen jungen Pianistin im Kontext des ‚Heist-Movie‘ ist neu und überraschend. Der Augenblick, wo sich Victoria hier als gescheiterte Musikerin gegenüber Sonne offenbart, ist sicher der intimste und also auch emotionalste des Films.

Der zweite Akt dauert dagegen nur halb so lang. Er reicht vom geglückten Bankraub mit einer ausgelassenen Fun & Games Phase über den ‚klassischen’ Midpoint (der ja in diesem Fall deutlich nach der Mitte zu finden ist, als es zur Schießerei mit der Polizei kommt, bei der die Hälfte der Bande angeschossen wird), bis zu Victorias Erkenntnis, dass Sonne schwer verletzt wurde. (Warum gehen sie eigentlich zurück zum Fluchtwagen?). Diese Phase entspricht mehr oder weniger 1:1 den Regeln des Genres.

An diesem Punkt muss Victoria sich – ebenfalls ganz klassisch – entscheiden. Sie begleitet Sonne in den Tod und verlässt das Hotel mit der Beute. Endlich hält die Handkamera inne – und Victoria entschwindet in der erwachenden Großstadt. Auch dieser Weg des einsamen Entkommens betritt erzählerisch sicherlich wenig Neuland, vermag aber emotional zu befriedigen.

Insgesamt ist also „Victoria“ in seinen erzählerischen Momenten keineswegs so neu und innovativ wie die formale Umsetzung. Andererseits wirkt die Perspektive auf die gescheiterte Musikerin Victoria unverbraucht. Sie beschreibt einen großen Bogen von der sozialen Bindungslosigkeit bis zum Moment der Loyalität. Aus dem neu gewachsenen Zugehörigkeitsgefühl zu der Gruppe heraus ist ihre Entscheidung, Boxer zu helfen, nachvollziehbar (auch wenn das für sie bedeutet, kriminell zu werden, was für ihre Figur zu Beginn zwar noch undenkbar war).

Insofern  wandelt sie sich vom harmlosen Mädchen zur Siegerin (weshalb die Titelfigur vielleicht auch ironisch nach dem spanischen Namen für ‚Sieg’ benannt wurde). Tatsächlich sind es nur wenige Momente, in denen Victoria aktiv in die Handlung eingreift, aber sie reichen aus, um sie als handelnde Figur wahrzunehmen.

Die Empathie mit ihrer Figur wird zwischenzeitlich zwar auf eine harte Probe gestellt, als sie durchsetzt, ein Baby zu entführen, um sich und Sonne zu retten. Doch durch ihr (zumindest relativ) großes Verantwortungsgefühl in dieser Situation behält eine positive Zuschauerresonanz die Oberhand. Als sie zuletzt im Hotelzimmer um den toten Sonne trauert, wünscht man ihr vor allem eine geglückte Flucht. Auch das ist ein Zeichen, dass die Zuschauererwartung eher in ihrer gelungenen Befreiung liegt, als in der intensiven Aufarbeitung einer verlorenen Liebe.

Zusammenfassend wird man also sagen können, dass „Victoria“ auf der erzählerischen Ebene nicht so innovativ wirkt wie auf der technischen. Einige neue und starke Argumente stehen vielen vorgefertigten Genre-Konventionen gegenüber. Auch wenn der innere Bogen der Figur vielfach überzeugen dürfte, ist die Vorhersehbarkeit groß. Die emotionale Dichte, die der Film im überlangen ersten Akt erreicht, wird später kaum mehr erreicht.

Insofern wird der Film bei allen Filminteressierten ein ‚Must-See‘. Für ein ‚normales‘ (Genre)-Publikum dürften die Argumente eher gemischt ausfallen. „Victoria“ dürfte daher am Markt zwar durchaus sichtbar werden. Aber ein vergleichbarer Coup wie einst „Lola rennt“ wird sich hier wohl kaum ein zweites Mal realisieren lassen.

25.06.2015, Jochen Strodthoff, Roland Zag

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